Monday, September 25, 2006

Moll

Mein Klavier ist mein bester Freund. Mit ihm kann ich total albern, aber auch sehr traurig sein. Was ich auch bin, so ist es auch.

Es fängt meist traurig an, wird zunehmend alberner, fängt neu an, fängt mich auf.

Mein Klavier ist ein elektrisches Klavier. Ich schalte es ein, setze meine Kopfhörer auf, weil niemand hören will, wie ich wirklich bin.

Manchmal fängt es traurig an, will einfach nicht albern werden. Dann schalte ich es aus, als wäre es mein Kopf.

Mein Klavier ist mein bester Freund. Ich erzähle ihm alles. Ich höre ihm zu. Viel zu spät merke ich erst, dass ich, genaugenommen, Selbstgespräche führe.

Mein Klavier ist ein elektrisches Klavier. Wenn ich es ausschalte, wünsche ich mir manchmal ein richtiges Klavier. Dann gäbe es kein Ein und kein Aus, kein Anfang und kein Ende.
Doch spielte ich darauf, stünden wenige Augenblicke später die Nachbarn vor meiner Tür und bäten mich darum, doch etwas weniger albern zu sein.

Und so denke ich manchmal an diese traurigen Gestalten, während ich den Ausschaltknopf betätige und versuche, einen Rest Albernheit mit in den Schlaf zu retten.

Tuesday, September 12, 2006

Als Thorsten vergaß zu gratulieren...

Ich war nie Teil eines Lebens. Klar, Menschen hatten mit mir zu tun, anders geht es ja wohl nicht, richtig? Doch wenn ich nicht da war, war ich auch aus ihren Köpfen verschwunden. Als hätte es mich nie gegeben. Doch es gab mich. Nur nahm niemand so wirklich Notiz davon, wenn ich nicht direkt vor ihnen stand. Und selbst dann war es manchmal schwer.

Nicht, dass ich mich je sehr darum bemüht hätte, Teil eines Lebens zu sein. Nein, nein, ganz und gar nicht. Ich war immer schon gern allein. Was ist das denn schon, jemandem wichtig sein? Jemandem etwas zu bedeuten? Das heißt doch nur Verantwortung. Und Verantwortung heißt auch gleichzeitig Belastung. Und Belastung heißt Stress. Und von Stress bekommt man Haarausfall und im schlimmsten Falle sogar einen Infarkt. Wieso die Menschen freiwillig ihre Gesundheit so aufs Spiel setzen ist mir schon immer ein Rätsel gewesen.

Wenn man Teil eines Lebens ist, dann denkt man viel zu viel nach. Über Dinge, die einen sonst gar nicht interessieren. An jemand anderen. Nicht mehr nur an sich selbst. Dabei hat man mit sich selbst doch schon genug zu tun, wie soll man da auch noch jemand anderen unterbringen? Irgendwie geht das. Irgendwie geht das wohl bei manchen Leuten. Ich könnte das nicht. Und die Menschen merken das, glaube ich. Deshalb lassen sie mich nicht in ihr Leben. Deshalb bleibe ich vor der Tür und klingele ab und zu, um ein kurzes, belangloses Schwätzchen zwischen Tür und Angel zu halten, bevor ich wieder verschwinde, aus ihren Köpfen, aus ihren Leben. Wenn sie wollten, dass ich ein Teil ihres Lebens werde, dann würden sie mich doch hineinbitten, nicht wahr? Ist doch so.
Vielleicht bin ich auch nicht energisch genug. Jeder Staubsaugervertreter hätte bessere Karten hereingelassen zu werden. Und jedesmal, wenn sie dann den Staub aus dem Teppich saugten, würden sie an ihn denken, wie nett er gewesen sei, der Herr Staubsaugervertreter, und all die Komplimente die er ihnen gemacht hätte. Sowas kann ich nicht. Sowas kann ich einfach nicht.

Ja klar, ich habe mit Menschen zu tun. Fast täglich sogar. Doch ich weiß, dass nach Feierabend niemand mehr an mich denkt. Niemand, der anruft, niemand, der fragt, wie es mir denn so geht. Ob alles wohl im grünen Bereich sei, alles paletti, solche Geschichten. Und gestern, an meinem Geburtstag, da fragte Thorsten mich in der Mittagspause, ob ich wohl langsam Geheimratsecken bekäme. Es brach mir das Herz.

Saturday, September 09, 2006

Nur zur Miete

Als es passierte, wurde sie ohnmächtig. Es vergingen nur wenige Minuten der Bewusstlosigkeit, doch als sie wieder zu sich kam, erschien es ihr, als wären Jahre vergangen.
Sie erkannte nichts wieder. Gar nichts. Weder die Stadt, in der sie lebte, noch die Menschen, die sie nun mit sorgenvoller Miene ansahen. Sie ertrug die Blicke nur mit großer Anstrengung. Wie ein verwundetes Kind sah man sie an. Menschen, die sie kannte und deren Gesichter sie doch nicht einordnen konnte. Menschen, die ihr früher viel bedeutet hatten. Doch was und warum, das wusste sie nicht mehr.
Und so schaute sie diese Menschen an, mit der selben Hilflosigkeit und noch viel größeren Ängsten. Wovor, das wusste sie nicht. Doch sie durchzuckten ihre Glieder, dass sie zusammensank. Zurück auf den Boden, auf dem sie zuvor schon minutenlang gelegen hatte, umringt von den Menschen, die ihr einst die Welt bedeuteten, doch die einfach nicht wussten, was zu tun war.
Nun kniete sie da, sah ihre Gesichter, wie sie sich langsam von ihr abwandten, sich gegenseitig um Rat ersuchend, bis sie schließlich in der einsetzenden Dämmerung kaum noch zu erkennen waren.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand auf und ging nach Hause, allein, bis sie es endlich wiedergefunden hatte.

Monday, September 04, 2006

Die Geschichte vom kotzenden Roboter

"Ich habe häufig Magenschmerzen.", klagte der Roboter, als er bei einer Routineinspektion nach auftretenden Fehlfunktionen gefragt wurde. Daraufhin lachten die Techniker und erklärten ihm, er habe doch überhaupt keinen Magen.

Als er am nächsten Morgen aktiviert wurde, da war ihm plötzlich sehr schlecht. Er behauptete sehr starke Krämpfe in der Magengegend zu haben. Sein Besitzer ging von einem Programmierfehler aus, benachrichtigte die Servicestelle und deaktivierte den Roboter vorsorglich wieder.

Der Techniker überprüfte die Schaltkreise und die Mechaniken, entdeckte jedoch keinerlei Unstimmigkeiten. Als er den Roboter schließlich wieder in Betrieb nahm, da spie er zunächst etwas Öl, dann ganze Schrauben und Muttern. Der Techniker nahm ihn zur genaueren Untersuchung mit in die Werkstatt.

Doch auch hier, nicht der kleinste Hinweis auf eine Fehlfunktion. Schließlich wussten sie sich nicht mehr anders zu helfen und löschten den Großteil seiner Gedächtnisengramme. Nur die standarisierten Arbeitsroutinen blieben erhalten.

Bei erneuter Inbetriebnahme schien zunächst alles wieder normal zu sein. Der Roboter verrichtete seine ihm aufgetragenen Tätigkeiten effizient und den Anweisungen entsprechend. Doch nach einigen Tagen trat das gleiche Problem erneut auf. Er übergab sich diesmal sogar auf seinen Besitzer, der daraufhin mit sieben Stichen genäht werden musste. Dieser gab daraufhin den Roboter entnervt zurück und ließ sich fortan wieder von einem Schwarzen den Tee servieren.

Derweil zerlegte man den Roboter in seine Einzelteile und verfrachtete diese in diverse Ersatzteillager.
Monate später folgte schließlich eine solch massive Reklamationswelle, dass dem Unternehmen nur noch der Weg in die Insolvenz zu bleiben schien. Die unzählig eingeschickten Roboter wendeten sich nun gegen ihre finanziell stark angeschlagenen Erschaffer und übernahmen, den Protesten der Gewerkschaften zum Trotz, die Firma, welche sich von diesem Zeitpunkt an auf die Herstellung von so Roboterhunden, die springen können, spezialisierte und sich schon bald erholen sollte.

Es stellte sich also heraus, dass die Roboter ihre Krankheit nur vorgetäuscht hatten um sich persönlich zu bereichern.
"Sie wirken so...menschlich.", hörte man eine der Sachbearbeiterinnen sagen, die ihre Pläne, sich innerhalb des Unternehmens hochschlafen zu wollen, letztlich verwarf.