Sunday, April 05, 2009

Schweine-Mann

Ich schaue nicht auf seine Waffe, sondern nur in sein Gesicht, das durch die Netzstrumpfhose aussieht wie ein Gemälde von Dalí. Er will nur Geld, doch ich verneine seine Forderungen und hoffe, er drückt endlich ab. Ein vor Angstschweiß triefender Arbeitskollege fasst sich schließlich ein Herz und drückt mich zur Seite, will das regeln, will dem Mann das Geld geben und endlich Ruhe. "Du bist ein Held, Harald!", rufe ich ihm zu. Der Räuber entkommt mit knapp zehntausend Euro, alle liegen noch auf dem Teppich der Sparkasse und heulen. Ich stehe und heule auch. Den Rest des Tages haben wir dann frei.
Die anderen gehen zu ihren Familien, ich lieber ins Museum. Dort setze ich mich auf einen Stuhl und schaue zwei Stunden eine leere Wand an. Ich frage mich, ob es nicht bedenklich ist, dass mein Herz bei einer leeren Wand schneller schlägt als bei einer gezogenen Handfeuerwaffe. Dann ist es mir egal und ich gehe nach Hause.
Ich packe mein eigentlich für die Arbeit gedachtes Brot aus, beiße einmal ab und schmeiße es weg. Im Fernsehen erzählen sie von dem Überfall. Da ist auch Harald. Harald der Held. So wird er gezeigt. Seine Schweißflecken stechen nicht ins Auge, sondern die nur wenigen trockenen Stellen. Er sieht aus wie ein bruzelndes Schwein. Schweine-Mann. Was für ein Held.
Später ruft meine Schwester an und fragt, ob ich in der Sparkasse arbeiten würde, die gerade im Fernsehen ist. Ich sage nein. Es gibt ja so viele Sparkassen. Sie fragt nach unserer Mutter, ob sie schon wieder aus dem Krankenhaus raus sei, ich antworte, sie sei leider verstorben. Dann fängt sie an zu heulen und ich sag ihr, es war nur ein Scherz. Sie ist noch zu verheult, um mich anzubrüllen und legt den Hörer auf die Gabel. Oder drückt den Knopf mit rotem Telefonsymbol. Ich habe noch ein altes Telefon von zu Hause mitgenommen, als ich auszog. Meine Schwester kaufte schon immer lieber alles neu.
Das Telefon klingelt anschließend noch einige Male. Die Polizei bittet mich am nächsten Vormittag ins Revier zu kommen, um auszusagen. Irgendeine Frau bietet mir psychologischen Beistand an. Das sei ein Standardverfahren bei Überfallopfern, versichert sie mir. Ich lehne dankend ab. Meine Mutter ist schließlich die letzte Anruferin. Sie schreit mich an, wie ich solch üble Scherze mit meiner Schwester treiben könne. Ich reiße das Kabel aus der Buchse und mache mich fertig fürs Bett.
Ich brauche kein Baldrian, ich brauche einen Hammer. Denn ohne Schmerzen kann ich nicht mehr einschlafen.  Ich schaue Nachrichten über Anschläge, Abstürze, Vergewaltigung und hungrige Kinder. Die hatten auch keinen guten Tag. Es sieht fast so aus, als hätte die ganze Welt sogar einen richtig beschissenen Tag gehabt. Bevor die Beiträge mit den niedlichen Tierbabies kommen, schlafe ich ein.
Am nächsten Morgen gehe ich zur Arbeit. Der Chef will, "dass möglichst schnell wieder der Alltag Normalität wird". Während er diesen unglaublich dämlichen Satz spricht, höre ich zum ersten Mal, wie traurig und verbittert selbst mein inneres Lachen mittlerweile klingt. Ich kann nicht weiter darüber nachdenken, da der Chef mich direkt danach zu einem Vieraugengespräch in sein Büro bittet. Mein Verhalten bei dem Überfall entsprach nicht den vorgegebenen Normen. Ich habe so Kunden und Personal in unnötige Gefahr gebracht. Er werde nicht umhin kommen, personalrechtliche Schritte zu prüfen. Ich bedanke mich für das Gespräch mit einem zertretenen Flachbildmonitor und verlasse die Sparkasse in Richtung Polizeirevier.
"Er sah aus wie ein Gemälde von Dalí", antworte ich auf die Frage nach dem Erscheinungsbild des Täters. Natürlich weiß keiner etwas mit dieser Beschreibung anzufangen. Ich beschreibe stattdessen mich selbst und warte gespannt, wann sie es merken. Doch sie merken es nicht.
Der Chef fragt mich, was ich noch hier wolle, als ich wieder zurück an meinen Arbeitsplatz will. Da frage ich mich das plötzlich auch. In meiner Jackentasche forme ich meine Hand wie eine Pistole, ganz wie in schlechten Krimikomödien und weiß selbst nicht, was ich mir dabei denke. Ich will Geld. Und ich will ein Strumpfband. Nach dem zerstörten Monitor traut man mir also wirklich zu hier alle umlegen zu können. Eine Auszubildende opfert sich freiwillig und überlässt mir ihre getragene Strumpfhose. Es macht mir nichts aus, dass es die dickere der beiden Auszubildenden ist. Früher hätte es das. Der Chef persönlich schaufelt bereits eine Tüte mit Geld voll, doch ich bestehe darauf, dass Harald das übernimmt. Schweine-Harald. Dieses Mal erkenne ich nicht eine einzige trockene Stelle an seinem Hemd.
Ich verlasse die Sparkasse mit zwei Tüten voll Geld und gehe ruhigen Schrittes die Straße entlang. Erst nach einigen Metern bemerke ich, dass die komplette Straße bereits abgesperrt und gesichert ist - ich bin sicher, es war der Schweine-Mann, der den Alarmknopf drückte. Ich solle mich nicht mehr bewegen und die Waffe auf den Boden schmeißen. Ich lache und gehe immer weiter, bis der erste Schuss fällt.
Sie stehen um mich rum und glotzen mich doof an, als hätten sie mich noch nie in ihrem Leben gesehen. Zwei haben bei mir ein Konto eröffnet, zwei andere nahmen meine Zeugenaussage auf. Nun liege ich da vor den Idioten, gänzlich unbewaffnet und nur am Bein getroffen. Erst jetzt setze ich die Strumpfhose auf, da die zweite Hand nun nicht mehr so bedrohlich wirken muss. Und für einen Augenblick, da erinnert sich einer. An Dalí. An die Beständigkeit des Erinnerns. Alles fließt, alles zerrint. Und was immer so hart schien ist plötzlich ganz weich.
Am nächsten Tag wird man den Fernseher wieder nicht einschalten können, ohne davon zu hören, wie Schweine-Mann ein weiteres Mal die Welt rettete. Ich hatte dann wieder keinen guten Tag. Und schon übermorgen wird die ganze Welt den Schweine-Mann vergessen haben. Spätestens, wenn die Tierbabies kommen. Was für ein Held.

Sunday, March 22, 2009

So ist das nun mal

Sie sieht ihn an, mit einem Blick der verrät, dass sie nur darauf wartet, dass etwas besseres kommt. Perfektion kann's nie geben hat er ihr immer gesagt. Er ist der einzige, der noch daran glaubt. Er hat ein Haltbarkeitsdatum, das sie beide nicht kennen. Doch der Tag kommt näher, an dem er es überschreitet und sie ihn wegwerfen wird. Wie einen schimmeligen Joghurt. So sieht sie ihn an. Es gibt immer Luft nach oben, doch oben ist die Luft dünn. Warum fällt das Atmen plötzlich so schwer?
Er kauft heute ein, von allem immer zwei, wenn sie's nicht will, isst er's morgen alleine. Was kann es besseres geben, als mit dem Kopf durch die Wand, einen verblassenden Traum zu leben? Was will sie denn mehr, was kann er nur ändern, hat sie jemals etwas gesagt?
Er packt alles in den Kühlschrank, von allem immer zwei. Sie sitzt da und röchelt und hustet und schnappt und er weiß, jetzt ist es vorbei. Die Luft die sie atmet ist dünner als seine. Er steht Stunden unter der Dusche, wäscht sich die Haut wund, doch der Schimmel geht einfach nicht ab. Sie ist in den Wolken, er bleibt im Tal. Es gibt immer Luft nach oben, so ist das nun mal. 
Jetzt isst er zwei Brötchen, zwei Eier, zwei Twix, und hofft unter Tränen, dass sie nicht erstickt. 

Ein schimmeliger Joghurt schläft an der Wand, bei offenem Fenster, bei frischer Luft im Erdgeschoss. Verschluckt und ausgespuckt. Doch nicht das Ende der Welt.

Sunday, March 15, 2009

Vage Mut

Wann wirst du wieder ruhig schlafen? Wann ist alles nicht mehr so laut? So schreiend nach Lösung, so sinnlos und taub. Sie alle, sie schlafen und schnarchen und knarzen, sie hören dich reden aber nicht was du sagst. Hast du je was bewegt, hast du je was erlebt, hast du je auch nur ein Herz erreicht? Was in dir schlummert raubt dir die Ruhe, was in dir brodelt hält dich von alleine nicht warm. Es hält dich wach. Du bist nirgends gewesen, hast niemanden gesehen. Was soll so einer von der Welt schon verstehen? Du musst reisen, du musst ziehen. Ziehen lassen was nicht will, dass es dir was bedeutet, erst dann wird es still. Du musst reisen und sehen, was die Welt vor dir versteckt. Andere Leute. Was weißt du schon, was wissen die? Wann holst du auf?
Nimm die Decke vom Kopf und blick' in die Sonne, lass' dir die Augen verbrennen und dann auf ins Gefecht. Es ist ein Tag, wie jeder andere, irgendwann schläfst du ein. Sieh der Wahrheit ins Gesicht und lass' sie doch schreien. Was hat sie schon gesehen, was hat sie schon erlebt? Sie ist immer auf Reisen und kommt immer zu spät. Sie verschläft ihren Einsatz, sie verpasst ihren Zug, dabei wäre sie dir doch zum Schlafen genug. So bleibt alles vage und mutig musst du sein, sonst holst du sie im Leben doch nicht mehr ein. Und was soll so einer von der Welt schon verstehen? Schlaf' ein.

Sunday, February 15, 2009

Scherbenhäufchen Elend

Du wolltest nie wachsen, nie so werden, niemals so wie jetzt. Was ist das für eine Welt, die dich nicht schlafen lässt, nicht rasten, die dich treibt und dich dazu zwingt, immer und immer wieder größer zu werden. Du passt jetzt schon durch keine Tür mehr. Deine Welt ist es nicht. Deine Welt liegt versteckt darunter und deine Liebe ist alles, was sie zusammenhält. Doch die Liebe ist müde. Wenn sie sich schlafen legt, legst du dich daneben und hörst ihr zu, wie sie leise schnarcht, als sei es das Schnarchen einer feinen, älteren Dame.Wenn sie aufwacht, ist alles beim Alten. Wenn sie aufwacht, ist die Welt noch in Ordnung. Und wenn ihr Schnarchen zwischenzeitlich verstummt, stockt dir der Atem und du sagst der Welt, die nicht deine ist und ohne die du doch nicht kannst, innerlich Lebewohl. Alles bricht zusammen, alles geht kaputt und du schüttelst sie und schreist ihr ins leblose Gesicht, sie soll aufwachen, sie soll zu sich kommen, sie soll zu dir zurück. Doch sie liegt nur da, mit geschlossenen Augen und du verstehst einfach nicht, dass sie einfach nur schläft, weil sie ihre Ruhe braucht. Ihre Ruhe vor dem Sturm. Ein Sturm, der sie forttragen, der sie dir wegnehmen, der sie in Stücke reißen wird. Alte Liebe rostet, alte Liebe wird faltig und senil. Sie kann sich längst nicht mehr an dich erinnern. Sie kennt deinen Namen nicht, sie hält nur deine Hand, weil du dich an ihre klammerst. 
Du siehst die Wolken und weißt, sie ziehen nicht noch einmal an dir vorbei und der Wind trägt dich davon, lässt dich wieder los und du zerschellst auf dem Boden der Tatsachen. Dann steht da einer und sammelt dich auf, Stück für Stück, setzt dich neu zusammen und bringt dich wieder zurück. 
Halt' deinen Atem an.

Du bist wie ein Puzzle
das immer wieder zerfällt
einer setzt dich zusammen
und hofft dass es hält
doch niemand weiß wie du aussiehst
niemand weiß wie es geht
dein Bild ist nur vage
und doch so konkret

Du bist ein Scherbenhäufchen Elend und der Klebstoff ist weg. Doch ich hab' von einem gelesen, der brauchte nur ein wenig Spucke und ein wenig Dreck, und es sah alles aus wie neu. 
Neu und vollkommen.

Wednesday, February 11, 2009

Beeilung, Beeilung

Schöner wird's nicht mehr. Wenn einer geht, dann soll man das denken. Wenn's am schönsten ist, muss man gehen. Oder soll oder kann. Kann man machen, muss man nicht, soll man aber. Wenn man am schönsten verpasst hat, dann muss man bleiben, bis es vielleicht doch irgendwann noch einmal schöner wird. Dann Beeilung, Beeilung. 
Aber das wird es nie. 
Abwarten. 
Ich weiß gar nicht, wann's am schönsten ist. Vielleicht jetzt. Oder gestern oder morgen. Ich will es gar nicht wissen. Ich will bleiben. Es kann nicht immer Sonntag sein. Montags kommt die Müllabfuhr und dann stelle ich mich raus und lasse andere entscheiden, ob es an der Zeit ist. Tütütü knarz, ganz umsonst getrennt, kommt eh am Ende in den selben Container. Ich wollte mich nie verbrennen. Nun stehe ich hier, es ist noch ganz dunkel, tütütü knarz, gleich sind sie bei mir und der Hochofen winkt mir schief lächelnd ins Gesicht. 
Alles muss verbrannt werden.
Früher sang ich immer leise mit, wenn die Kinderstimmen im Fernsehen dem Sandmann weismachen wollten, es sei noch nicht soweit. Heute reibe ich mir den Sand aus den Augen, während um mich herum die Tonnen geleert werden. Dann fahren sie weiter. Ich gehe wieder hinein und mache dir Frühstück, esse es dann selbst, als ich merke, dass du schon zur Arbeit gefahren bist. Was übrig ist, schmeiße ich weg. Ein Beutel für alles. Beeilung, Beeilung. Morgen holen sie den Sperrmüll, vielleicht nehmen sie mich mit. Manche haben noch Verwendung für das, was andere wegschmeißen. Vielleicht wird alles wieder schön. Dann kann ich endlich gehen, weil ich so gerne noch bliebe. Und dann höre ich auf zu reiben, weil ich endlich kapiere: es bleibt immer etwas Sand zurück. Und sei es nur im Getriebe.

Tuesday, February 10, 2009

Ein Arm, ein Bein, ein Brocken Heimat

Ich habe den ganzen Weg nach Hause geschlafen und von der Welt nichts gesehen. Es sind Tage wie dieser, die mir immer wieder bewusst machen, wo ich hingehöre. Irgendwo dazwischen. Ich bin nie ganz hier und nie ganz da. Ich bin immer in der Mitte. Immer hier und immer weg. Wie ein Geist in der Flasche, der nur durch Reibung erfährt, wo er eigentlich ist. Wie ein Geist in der Flasche werde ich stets gerufen und erfülle, was man von mir wünscht. Ich bin alle Erwartungen, ich bin alles, was man will. Ich komme wie gerufen und verschwinde, wenn man mich nicht mehr braucht. Halbdurchsichtig stehe ich da und warte darauf, dass mir jemand sagt, was ich tun soll. Und wie das Sonnenlicht in meine Augen sticht, blendet es alles aus, was ich weiß und was ich will. Ich bin wie ein Flascheingeist. Ich lebe zwischen drinnen und draußen, zwischen oben und unten, zwischen Welt und Phantasie. Nichts fühlt sich wirklich an, nichts ist vollkommen. Ein Teil von mir bleibt immer zurück. Ein Arm, ein Bein, ein Brocken Heimat, den ich gerne verschenke, weil er ausgedient hat. Es ist so vieles passiert und alles verklärt, weil die Erinnerung daran allmählich verjährt. Ich bin nie da gewesen, wenn ich da sein wollte. Ich bin immer dort, wo man mich wollte und nie dort wo man mich will. Wo ich nicht sein will, wo man an meiner Flasche reibt und nie an meiner Oberfläche kratzt. Wie ein Geist in der Flasche, wunschlos, willenlos, fress' ich mich voll, bis mein Körper nicht mehr durch die Öffnung passt. Bis ich stecken bleibe. Irgendwo dazwischen. 

Saturday, February 07, 2009

Grüner wird's nicht

Es ist rot und ich weiß, es ist gleich vorbei. Doch ich will heut' nicht klagen. An der Ampel zu stehen und nicht auf grün zu warten, es ist vielleicht das schönste Rot seit Jahren. 
Meine Augen brennen und meine Stimme ist weg, ich kann nicht mehr klar denken, nicht mehr klar sehen, meinen Kopf nicht mehr senken und erst recht nicht verstehen, erst recht nicht verstehen, warum mir sowas passiert.

Es ist grün und ich weiß, ich muss längst nach Haus'. Nachts sehen die Häuser wie Nacktschnecken aus. Grüner wird's nicht werden, also geh' ich vorbei. Und denke und weiß, es ist nichts dabei. Meine Beine sind schwer, ich kann kaum noch gehen. Das Leben ist nicht fair und ich kann's nicht verstehen, ich kann's nicht verstehen,
warum mir sowas passiert.

Ich habe viel geredet und viel gelacht, viel zu wenig darüber nachgedacht. Und jetzt sitze ich hier und ich kann's nicht verstehen.
Wie konnte mir das passieren?

Tuesday, February 03, 2009

Propellerballerina

Ich trinke keinen Kaffee. Bin lieber müde als wach. Ich rede wenig bis gar nichts. Hallo und guten Tag.
Die Tage sind viel zu schnell. Und vorbei is' vorbei. Keine Zeit an dich zu denken. Allein was hilft die Jammerei.
Ich habe soviel zu tun. Meine Lider sind schwer. Und dein Bild an der Wand. Gefällt mir auch nicht mehr.
Ich atme nur noch ein. Und bestimmt nie wieder aus. Vielleicht platzt mir der Schädel. Vielleicht halt' ich's auch aus.

Ich träume oft von einem besseren Leben.
Von Baletttänzerinnen die auch Gewichte heben.
Von einem Rucksack mit Propellerantrieb.
So dass von der Last nichts mehr übrig blieb'.
Wirst du schwach wenn du siehst wie ich untergeh'?
Selbstgespräche tun niemandem weh.
Selbstgespräche tun niemandem weh.
Nicht einmal dir.

Ich wollt' noch so vieles machen. Mir die Haare kämmen. Soviel noch machen. Mich mal wieder rasieren. Die Sintflut eindämmen. 
Es zumindest nochmal probieren.

Saturday, January 03, 2009

Alternative Enden

Hallo. Viele Filme haben ein sehr langweiliges Ende. Hier die besseren Alternativen:


Stadt der Engel


Meg Ryan fährt vergnügt Fahrrad. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes.



American Pie


Die lustigen Boys stehen am Strand und reden über Sex. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes.



Spiderman 2...glaube ich


Robotentakelmann geht mit zwei Koffern mysteriösen Inhalts über eine Straße. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes. 



Keinohrhasen


Nora Tschirner wartet im Restaurant vergeblich auf Til Schweiger, der sich unbemerkt hinter ihrem Wasserglas versteckt hält. Ein Meteorit schlägt direkt in diesem Restaurant ein. Wie durch ein Wunder stirbt lediglich Til Schweiger. Abspann mit weiteren Nacktszenen Tschirners.



Armageddon


Mehrere Meteoriten schlagen in New York ein und zerstö...ach...brennende Flugzeuge schlagen in hohe Gebäude mitten in New York ein, Bruce Willis weint. Abspann mit den lustigsten Tanzszenen George W. Bushs.


Muss ja nicht immer so ein Geknutsche sein.

Sunday, December 21, 2008

Junge aus dem Keller

Ich lass' alles stehen und liegen
keine Lust mehr das zu tragen
und die Kraft mich zu verbiegen
reicht kaum noch  aus
ich will nicht klagen
nur noch raus

Halt mir den Rücken frei und sag' nicht
du hättest mich  gewarnt
halt' meinen müden Kopf und trag' mich
in die weite Welt hinaus
ich bin enttarnt
und will nach Haus'

Ich will nicht weggehen und nicht bleiben
ich will die Liebe und das Geld
ich schneid' dir mein Herz in Scheiben
wir spielen Katz' und Maus
was mich hält
hält mich nur aus



Ich bin der Junge aus dem Keller
und ich werd' es immer sein
meine Haut ist noch viel heller
als der grellste Sonnenschein
leg' dein Ohr auf die Fliesen
kannst du mich flüstern hören
ich bin der Junge aus dem Keller
ich wohne bei den Möhren
ich bin der Junge aus dem Keller
und will nur dazu gehören
doch bleib' auf halber Treppe stehen.

Tuesday, December 16, 2008

Der Mann an ihrem Bett

Das erste mal sah ich sie auf dem Grund eines Flusses und wusste genau, dass ich den Rest meines Lebens mit ihr verbringen wollte. Sie sah aus, als ob sie schlief, mit einem Lächeln im Gesicht, das von einem wunderschönen Traum zeugen musste. Vorsichtig löste ich ihren Gurt, aus Angst, sie vielleicht aufzuwecken. Ich zog sie hinauf an die Wasseroberfläche und spürte zum ersten Mal die Strömung und die Kälte. So trieben wir einige Minuten flussabwärts, bis ich es endlich schaffte, uns ans rettende Ufer zu bringen. Der Regen wusch mir das Blut aus dem Gesicht, das ich zuvor gar nicht bemerkte und das mir plötzlich bewusst machte, was überhaupt geschehen war. Ihr sah man es nicht an. Es war wie ein Wunder.
Es dauerte nicht lang, da hörte ich die Sirenen der Rettungskräfte. Ich wusste, alles würde gut werden. Doch sie nahmen sie mir weg und ich schrie und ich flehte, doch sie wollten nicht hören und sie fuhren mit ihr davon. Ich spürte den Einstich der Spritze nicht, die sie mir gaben und wachte erst in einem großen, weißen Raum wieder auf. Mein Körper fühlte sich taub an, in meinen Ohren klangen immer noch die Sirenen und das Rauschen des Flusses, der uns fast verschluckte. Uns.

Die Schwester sah mich irritiert an, versicherte mir aber,  sich erkundigen zu wollen. Alles würde gut werden. Ich solle doch erst einmal gesund werden, hieß es dann. Und ich wurde gesund, so schnell es nur ging. Man dürfe mir keine Auskünfte erteilen, das müsse mit den Angehörigen abgesprochen werden, man werde sich kundig machen. Alles muss seine Richtigkeit haben. Am Tag meiner Entlassung bekam ich endlich die Erlaubnis, sie sehen zu dürfen. Sie schlief immer noch. Man sah ihr nicht an, was passiert war. Jetzt musste sie nur noch aufwachen.
Als ich am nächsten Tag wiederkam, saß ein Mann an ihrem Bett und weinte. Er sah mich mit hasserfüllten Augen an. Ich sollte sehen, was ich angerichtet habe, schrie er mir entgegen. Ich verstand nicht, wer er ist und warum er so aufgebracht war. Ich hatte sie doch gerettet. Sie schlief doch nur. Alles sollte gut werden. Doch das wurde es nicht.
Ich wusste von dem Unfall nicht mehr viel. Man hatte mir die Details nicht erzählt, um meinen Genesungsprozess nicht zu gefährden. Der Mann an ihrem Bett hatte dieses Leben, das ich mir flussabwärts treibend nur vorstellen konnte. Er würde jeden Tag hier sitzen, den Rest seines Lebens. Also ging ich und kam nicht mehr zurück.
Es ist das Rauschen, das geblieben ist, und das Heulen der Sirenen. Die Schuld eines zerstörten Traumes, den ich auf dem Grund eines Flusses zurückließ, um einen eigenen zu träumen. Sie wachte nicht mehr auf.

Saturday, December 06, 2008

Perfektion

Es ist still geworden. Er hat den Tisch gedeckt, für sich allein. Er hat immer gewusst, was ihm fehlen würde, wenn es nicht mehr da ist. Jetzt erst versteht er es. Er begießt den Braten immer wieder mit Fond, viel häufiger als eigentlich notwendig. Er will sicher sein, dass es gelingt. Alles muss perfekt sein. Immer wieder schaut er zur Uhr, ganz ungeduldig, auch wenn es keinen Grund dafür gibt. Er schmeckt den Rotkohl ab, den er viel zu früh aufgesetzt hat. Er konzentriert sich auf das leise Ticken der Uhr, um der Ohnmacht zu entfliehen. Dann gießt er ein letztes mal Fond über den Braten, den er anschließend tranchiert. Es kommt ihm vor, als schneide er sich selbst. Schmerzen kann man nicht erinnern, hat er mal gelesen. Er nimmt eine Keule und legt sie zu dem Rotkohl und den längst abgekühlten Klößen auf einen Teller. Nur noch eine Kerze erleuchtet den Küchentisch, an dem er nun sitzt.

Tick. Tick. Tick.

Je mehr man spricht, je mehr läuft man Gefahr, andere zu verletzen, hat er mal gelesen. Er will niemanden verletzen. Er sieht sich die Narben an seinen Händen an. Auch die neuen. Er will nichts sagen und nichts hören. Alles muss perfekt sein.

Tick. Tick. Tick.

Als die Kerze erlischt, steht er auf, schaltet das Licht ein und schmeißt den Braten zu denen der Vortage in den Müll. Er hat keinen Bissen genommen. Jetzt erst versteht er es. Er wischt das Blut vom Tranchiermesser ab, legt sich auf die kalten Fliesen und hört noch einige Zeit dem Ticken zu, bevor er einschläft. Es war wieder einmal ein perfekter Abend.

Tick. Tick. Tick.

Thursday, November 13, 2008

Neujahrslied

Tschüs altes Jahr
du kannst nun endlich gehen
mach Platz für Dinge
die sich nicht im Kreise drehen

Tschüs altes Jahr
wir können ja Freunde bleiben
für die Zeit, die uns noch bleibt
um sie schneller zu vertreiben

Du hast viel zu viel
gefordert und befohlen
du holtest viel zu oft
neues Feuer für die Kohlen

Und ich weiß nicht wohin
treibt mit die Flucht vor deinem Sinn
doch eines weiß ich genau
aus dir werd' ich nicht schlau
aus dir werd' ich nicht schlau

Mach's gut Jahr
und grüß' die alten Kollegen
sag ihnen es sei schon gut
es hätt' an mir gelegen

Dass nichts so war
wie es sein sollte
und mich der Winter
letztlich einfach überrollte

Und ich schaufle dein Grab
bis ich den Schatz gefunden hab
und mir ist schon ganz flau
aus dir werd' ich nicht schlau
aus dir werd' ich nicht schlau

Und ich wink' dir ein letztes Mal
und dann ist es mir auch egal
und dann ist es mir auch egal 

Wednesday, November 12, 2008

Sparring


Hast du aufgegeben
oder hälst du noch fest
an den verlorenen Jahren
nur um diesen Test
an die Wand zu fahren
bau' ein neues Nest
ohne Dach überm Kopf
ein Deckel ohne Topf
nur leicht verletzt

Hast du aufgeben
oder bist du noch mutig
genug um nach Vorne zu schauen
ist deine Nase auch blutig
lass' das Blut sich nicht stauen
lass' es raus, lass es laufen
spül' es ab, crem' dich ein
denn in dem großen Haufen
wird schon jemand sein
der dich schlägt, der dich beißt und
auf deine Liebe scheißt und
mit ein wenig Glück
bleibst du auch diesmal nur
leicht verletzt 
zurück

Monday, November 10, 2008

Der Mann an ihrem Bett

Das erste mal sah ich sie auf dem Grund eines Flusses und wusste genau, dass ich den Rest meines Lebens mit ihr verbringen wollte. Sie sah aus, als ob sie schlief, mit einem Lächeln im Gesicht, das von einem wunderschönen Traum zeugen musste. Vorsichtig löste ich ihren Gurt, aus Angst, sie vielleicht aufzuwecken. Ich zog sie hinauf an die Wasseroberfläche und spürte zum ersten Mal die Strömung und die Kälte. So trieben wir einige Minuten flussabwärts, bis ich es endlich schaffte, uns ans rettende Ufer zu bringen. Der Regen wusch mir das Blut aus dem Gesicht, das ich zuvor gar nicht bemerkte und das mir plötzlich bewusst machte, was überhaupt geschehen war. Ihr sah man es nicht an. Es war wie ein Wunder.
Es dauerte nicht lang, da hörte ich die Sirenen der Rettungskräfte. Ich wusste, alles würde gut werden. Doch sie nahmen sie mir weg und ich schrie und ich flehte, doch sie wollten nicht hören und sie fuhren mit ihr davon. Ich spürte den Einstich der Spritze nicht, die sie mir gaben und wachte erst in einem großen, weißen Raum wieder auf. Mein Körper fühlte sich taub an, in meinen Ohren klangen immer noch die Sirenen und das Rauschen des Flusses, der uns fast verschluckte. Uns.

Die Schwester sah mich irritiert an, versicherte mir aber,  sich erkundigen zu wollen. Alles würde gut werden. Ich solle doch erst einmal gesund werden, hieß es dann. Und ich wurde gesund, so schnell es nur ging. Man dürfe mir keine Auskünfte erteilen, das müsse mit der Familie abgesprochen werden, man werde sich kundig machen. Alles muss seine Richtigkeit haben. Am Tag meiner Entlassung bekam ich endlich die Erlaubnis, sie sehen zu dürfen. Sie schlief immer noch. Man sah ihr nicht an, was passiert war. Jetzt musste sie nur noch aufwachen.
Als ich am nächsten Tag wiederkam, saß ein Mann an ihrem Bett und weinte. Er sah mich mit hasserfüllten Augen an. Ich sollte sehen, was ich angerichtet habe, schrie er mir entgegen. Ich verstand nicht, wer er war und warum er so aufgebracht war. Ich hatte sie doch gerettet. Sie schlief doch nur. Alles sollte gut werden. Doch das wurde es nicht.
Ich wusste von dem Unfall nicht mehr viel. Man hatte mir die Details nicht erzählt, um meinen Genesungsprozess nicht zu gefährden. Der Mann an ihrem Bett hatte dieses Leben, das ich mir flussabwärts treibend nur vorstellen konnte. Er würde jeden Tag hier sitzen, den Rest seines Lebens. Also ging ich und kam nicht mehr zurück.
Es ist das Rauschen, das geblieben ist, und das Heulen der Sirenen. Die Schuld eines zerstörten Traumes, den ich auf dem Grund eines Flusses zurückließ, um einen eigenen zu träumen. Sie wachte nicht mehr auf.