Saturday, June 27, 2009

Das Leben und Obst

Das Begräbnis war das Schönste, was sie je erlebte. Alle waren da und sie dachten daran, wie vergänglich das Leben und Obst sein kann. Besonders Erdbeeren. Alle weinten zusammen und machten sich Mut. Sie tranken Kaffee, aßen Kuchen, es ging ihnen nicht gut, doch sie wussten, das geht alles vorbei. Und die Orgel, die krachte und der Pfarrer sagte Worte, die jeder nickend zur Kenntnis nahm. Er war ein guter Mann, er war ein guter Vater, er war ein gläubiger Christ und er glaubte daran, dass das Leben als solches nie zu Ende gehen kann. Unter der Erde muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Zumindest für ihn, denn er war gerne allein.
Sie saß da, zwischen Leuten, die ihre Nachlässigkeit bereuten, sich nur so selten gemeldet zu haben. Zwischen Suppe und Braten, ließ sie sich beraten, wie sie das ganze Geld nun anlegen soll. So ein Kaiserwetter, sagte der Herr von der Hamburg-Mannheimer, der früher mal der Bruder des Verstorbenen war. Jetzt ist er im Notfall mit seinen Formularen und einem Zahnarztfrauenlächeln für sie da.
Die Angst vor diesem Tag, die sie vorher noch spürte, verschwand als ein Kind sie am Ellbogen berührte, mit einer schimmeligen Erdbeere in der Hand. Da kam dann die Mutter und schmiss die ganze Schale weg, da der Schimmel schon in den anderen Früchten steckt, auch wenn man ihn noch nicht sehen kann.
Sie schaute sich um und dann lächelte sie breit, denn sie wusste es kommt bald wieder die Zeit, Abschied zu nehmen, von diesem und jenem, wenn einer schimmelt, schimmeln auch die daneben. Und die Orgel hörte irgendwann einfach auf, der Herr Kaiser stoppte den Policenverkauf und der Regen wusch die traurigen Seelen rein. So schön wird keine Trauerfeier je wieder sein.
Sie nahm die Schale aus dem Müll und roch an einer Beere, sie roch noch das Leben, dann spürte sie die Leere. Doch sie wusste, das geht alles vorbei.

Friday, June 19, 2009

Smilies



Als er den Brief öffnete, dachte er an "das papierlose Büro", welches irgendein Computerfutzi vor über 30 Jahren prophezeite. Die hätten ihm doch eine SMS schicken können. Oder eine Email. In Briefen sind nie Smilies. Er mochte Smilies und er setzte sie ein, wo er nur konnte. Nun stand er vor dem Spiegel und versuchte den passenden Gesichtsausdruck zu finden. Doch welcher Gesichtsausdruck passt schon, wenn man einen Brief vom Arzt bekommt, nachdem man diesen doch eigentlich nur wegen der üblichen Kopfschmerzen konsultiert hatte? Darum gibt es noch Briefe. Und darum sind nie Smilies in Briefen. Briefe schreibt man, wenn es ernst ist.
Da saß er nun auf dem Untersuchungstisch im Krankenhaus. Sie durchleuchteten seinen Kopf so genau, dass er sich am Ende wie ein Endlager für Atommüll fühlte. Doch das lag nicht nur an der Strahlung, der er ausgesetzt war. Während er untersucht wurde, versuchte er immerzu die Gesichter der Ärzte und Schwestern zu lesen, doch ein Krankenhaus ist keine SMS und keine Email. Die Menschen hier sind die neutralsten der Welt. Sie lächeln nicht, sie zwinkern nicht, ihre Gesichter halten dicht, egal, wie niederschmetternd das auch sein mag, was sie einem später sagen.
Während er nach der Kernspintomographie über einem Becken hockte und kotzte, da rüttelte kurz sein Handy. Er hatte ganz vergessen, seiner Frau Bescheid zu sagen, dass er heute später nach Hause kommt. Nun fragte sie sich, wo er denn bleibt und verdeutlichte diese Frage unmissverständlich durch einen verwirrt dreinschauenden Smiley. Warum sind nur alle Smilies gelb? Bis auf den bösen Smiley, der rot anläuft vor Wut. So fühlte er sich jetzt, doch er war kreidebleich. Er schrieb ihr in weniger als 160 Zeichen zurück, sie solle sich keine Sorgen machen, er sei bald zu Hause. Am Ende stand ein lächelndes, gelbes Kreisgesicht.
Beim Abendessen stürmte er raus und übergab sich erneut. "Du wolltest doch Kinder", stöhnte er in Richtung seiner besorgten Angetrauten, "wenn dann jetzt, in 'nem Jahr is' schlecht bei mir." Da brach sie schließlich zusammen, versuchte sie doch den ganzen Abend gefasst zu wirken, nachdem sie den Brief auf der Flurkommode entdeckt hatte. Er saß ja nur da und schwieg. Doch das sollte nicht so bleiben.

Die nächsten Monate waren die schönsten und intensivsten ihrer Zweisamkeit. Sie spielten sich die heile Welt nicht vor, sie lebten sie. Es war eine Zeit, in der alles andere in den Hintergrund rückte, die Briefe, die Arzttermine, das Ding in seinem Kopf. Was als sicheres Todesurteil begann, war für ihn eine Neugeburt und er vermochte es diese Einstellung auszustrahlen und anderen zu vermitteln. Sie schafften es nicht zu vergessen, aber sie waren wahrlich fantastisch auf dem Gebiet des Verdrängens. Der Verdrängungsprozess steigerte sich beinahe ins Unermessliche, so dass seine Frau schließlich statt ihrer Tage einen immer runder werdenden Bauch bekam. Es war das vollkommene Glück, das auf dünnem Eis seine Kreise zog.
Eines morgens lag er so da und reagierte nicht auf ihre Weckversuche. Plötzlich war wieder alles präsent. Die Briefe, die Arzttermine, das Ding in seinem Kopf. Plötzlich schien alles vorbei zu sein. Doch dann öffnete er die Augen, begleitet von einem lauten "Buh!" und streckte ihr die Zunge heraus, wie ein schadenfreudiger Smiley. Doch er begriff schnell, dass er damit eine Mauer eingerissen hatte, die Glück und Unglück voneinander trennte. Und er wusste, dass es schwer werden würde, sie wieder aufzubauen. Es sollte ihm nicht mehr gelingen.
Zwei Wochen vor der Geburt seines Sohnes geschah schließlich das Unvermeidliche. Er kippte einfach so um, während er ihren zum Bersten gespannten Bauch ertastete. Da lag er da, zuerst ganz bleich, dann gelber werdend, mit einem Lächeln im Gesicht. So wollte sie ihn in Erinnerung behalten. So sollte es sein.

Einige Jahre später bekam sie eine SMS, an deren Ende ein grinsender Smiley stand. Warum eigentlich gelb? Sie blickte kurz auf den Spielplatz , dann in den Himmel. Da war es ihr auch schon wieder egal.

Sunday, May 10, 2009

Parasit

In mir wohnt ein Parasit. Er ernährt sich von mir. Er frisst meine Wut, meine Trauer, meine Unsicherheit. Er ist längst ein Teil von mir geworden. Ich gebe ihm Nahrung und er lässt mich schlafen. Ich schlucke alles runter, damit er satt wird. Damit er satt wird und still. Manchmal esse ich so viel, dass ich Angst bekomme, er könnte platzen. Und ich mit ihm. Dann merke ich, wie er sich ausdehnt, wie er gegen mein Inneres drückt und nach außen will.  Doch nach ein paar Stunden ist alles beim Alten. Und dann esse ich wieder. Ich werde immer dicker, weil er dicker wird. Längst ist es nicht mehr er, der mich braucht, ich brauche ihn so viel mehr. Er frisst alles Schlechte in mir einfach weg. Doch wo bleibt es dann? Und was bleibt dann noch von mir übrig?

Wer nichts wird, wird Wirt. Genau das bin ich geworden. In mir wohnt ein Parasit. Und irgendwann zieht er weiter und lässt nur meine leblose Hülle zurück.

Saturday, May 02, 2009

Gelbbremser

Jeder Mensch hat ein Schlagloch, in das mal einer fährt. Ein Riss im Asphalt, der nichts sagen will, der aber sagt "hier bin ich kaputt". Für den Fahrer ist es nur ein kurzer Rumms, doch bleiben größere Schäden auf der Strecke nicht aus. 
Je mehr einer spricht, desto mehr tut er weh. Ein ganz normaler Satz ist für manch einen ein Unheil, das er niemals vergisst. Alle sind Autofahrer, alle sind Straße. Von Airbags geschützt fährt's sich unbedachter. Da fährt man schneller als man sollte. Doch die Straße ist schweigsam und die Autos sind laut. So viel Verkehr und noch so viel mehr Stau. Risse und Löcher, vielbefahren, viel erfahren und es hört einfach nicht auf.
Dann stellt man Schilder auf, die sagen, "fahr' mal langsam, halt' mal an". Airbags für die Straßen, Worte abfedernde Knautschzonen, ohne die es nicht geht. Und es gibt Ampeln.
Eine Ampel kann eine Warnung, kann ein Freifahrtschein sein. Manche lässt man stehen, manche lässt man herein. Manche bleiben irgendwo dazwischen. Es sind die grünen Phasen, die einem die Löcher bescheren. Da ist wieder ein Wort vom Laster gefallen, weil man bei grünem Licht schon mal die Bremse vergisst. Ein neuer Riss im Asphalt.
Doch Rot ist keine Lösung, sonst steht alles still. Rot ist von allen das leerste Gefühl. Also belässt man's bei Gelb und sieht denen nach, die wie blöde noch schnell einmal drüber rasen, während man das Wesentliche außer Acht lässt. 
Gelbbremser fahren langsam, fahren bedächtig, passen auf. Sie reden nicht viel, doch sie sind da, wenn man sie braucht. Sie passen auf, was sie sagen, sie passen auf einen auf. Alle sind Autofahrer und Straße zugleich. Alle sind Rot oder Grün oder Gelb. Kaputte Straßen - und manche reißt man auf, um Kabelfernsehen zu verlegen. Als seien die Löcher und Risse nicht schon genug.

Wednesday, April 22, 2009

Ins Gesicht

Und dein Herz schlägt nur so schnell, weil es weiß, dass es irgendwann damit aufhört.

Zähl' die Schläge, fühl' den Puls, führe Buch über jeden Trommelwirbel, damit der Arzt dir sagen kann, wie lange du noch hast. 

Ein Schritt nach dem anderen, ein Schrittmacher für alles, was dich aus dem Takt bringt.

Hilfe, Hilfe, wirst du krank, wirst du traurig, wirst du immer daran erinnert. Ein Herzschlag ins Gesicht, für Vernunft, für alles was verkümmert. 

Du kommst nicht mehr zu dir, also komme ich. Ja, ich weiß, dass es irgendwann aufhört. Deshalb schlägt mein Herz so schnell.

Blutdruck von allen Seiten, doch du willst es nicht begreifen, dass ich am Ende bin. 

Du zählst deine Schläge, fühlst den Puls und führst Buch. Seit wann ist dir das denn nun schon zum Leben genug?

Höhen und Tiefen zeigt dein EKG. Ein Leben kann keine Nulllinie sein. Leberwerte kein Gradmesser für den Ballast verlorener Jahre. Du glaubst doch selbst nicht mehr daran. 

Manch ein Herz braucht keinen Grund, um immer weiter zu schlagen. Manch ein Mensch ist nie gesund, um sich selbst zu bestrafen. Als sei der Schatten seiner Fehler nicht Bestrafung genug.

Ein Herzschlag ins Gesicht, doch dein Magenband hält dicht, und die Verstopfung setzt mit dem Piepston aus. 

Wednesday, April 15, 2009

Ohne Grund

Als sie an jenem Morgen aufwachte, fiel ihr kein Grund mehr ein, noch aufzustehen. Sie ging kurz zur Toilette und erledigte nur das Nötigste, dann legte sie sich wieder hin und starrte an die Decke. Es war ihr Moment der ultimativen Leere. Ihr vollkommener Stillstand. Das Ende ihrer sinnlosen Reise. Nie zuvor gab es Momente, in denen sie nicht an irgendetwas denken musste. Ihr Kopf war immer voll, immer voller Gedanken an Probleme und deren vermeintliche Lösungen. Doch nie war etwas wirklich gelöst. Am wenigsten sie selbst. Immer war etwas. Mit ihrem Freund. Mit ihrer Familie. Mit ihrer Arbeit. Irgendwann war plötzlich alles nur noch ein Problem, das sie lösen musste. Sie löste sich von ihnen ab, löste sich in Luft auf, das war immer ihre Lösung. Ihr Freund rief immer noch an, von Zeit zu Zeit. Er konnte nicht loslassen. Er mache sich Sorgen ohne Grund, sagte sie ihm dann, immer wieder. Nun lag sie da und stand nicht mehr auf. Nur die Decke im Blick und keinen Kalender, keine Briefe, keine Termine. Es war einfach still und sie zum ersten Mal ganz allein mit sich selbst. Wachkoma als Lösung. Leere als Lückenfüller, für eine Lücke, die sie sonst nicht mehr zu füllen vermochte.
Doch mit dem Harndrang kamen auch die Gedanken und Probleme zurück. Das Bedürfnis zu pinkeln nahm ihr die Ruhe und so entschloss sie sich, dass dies das letzte Mal sein sollte, deswegen das Bett zu verlassen. Es dauerte zwei Tage, dann bekam sie weder die Feuchtigkeit noch den Geruch mehr mit. Gar nichts war ihr mehr bewusst. Sie wurde eins mit ihrem Bett, mit ihren Fäkalien, mit der Decke, die sie nach wie vor geistesabwesend anstarrte. Sie nahm nichts mehr wahr. Kein Telefon, keine Haustürklingel, keine Motorengeräusche von der Kreuzung vor ihrem Fenster. So sollte es sein, ihr Leben ohne Grund.
Am vierten Tag wurde sie abgeholt und in ein Krankenhaus gebracht. Jeder hatte sich Sorgen gemacht. Grundlos, würde sie jetzt sagen, wäre sie nicht längst gänzlich weggetreten, dehydriert und ausgehungert, wundgelegen und an ihren eigenen Exkrementen fast erstickt. Sorgen sind das größte Problem. Das waren sie immer, das werden sie immer sein. An ihrem Bett, da saßen nun alle und konnten es nicht verstehen. Jeder hat doch Probleme, jeder macht sich Gedanken, eigentlich ging's ihr doch immer recht gut. Warum will sie denn nicht leben, zum Sterben hat sie doch gar keinen Grund. Was alle ihr sagten, es war nicht so wichtig, ein Kuss auf die Stirn und sie waren wieder weg. Nur eine Frau mit Krebs in der Lunge lag noch schlafend im Bett nebenan. Die wollte leben, so lange es geht. Es ging nur bis zum nächsten Morgen.
Als sie entlassen wurde, holte ihr Freund sie mit dem Auto ab. Er sah sie lange an und lächelte, doch sie sprachen kein Wort. Dann fuhr er los. Sie fuhren eine Weile, dann riss er das Lenkrad rum und fuhr mit viel zu hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum. Ohne erkennbaren Grund, stand später im Polizeibericht. Doch kurz vor dem Aufprall, da wurde ihr klar, er wäre ein guter Grund gewesen, an jedem Tag aufzustehen.

Sunday, April 05, 2009

Schweine-Mann

Ich schaue nicht auf seine Waffe, sondern nur in sein Gesicht, das durch die Netzstrumpfhose aussieht wie ein Gemälde von Dalí. Er will nur Geld, doch ich verneine seine Forderungen und hoffe, er drückt endlich ab. Ein vor Angstschweiß triefender Arbeitskollege fasst sich schließlich ein Herz und drückt mich zur Seite, will das regeln, will dem Mann das Geld geben und endlich Ruhe. "Du bist ein Held, Harald!", rufe ich ihm zu. Der Räuber entkommt mit knapp zehntausend Euro, alle liegen noch auf dem Teppich der Sparkasse und heulen. Ich stehe und heule auch. Den Rest des Tages haben wir dann frei.
Die anderen gehen zu ihren Familien, ich lieber ins Museum. Dort setze ich mich auf einen Stuhl und schaue zwei Stunden eine leere Wand an. Ich frage mich, ob es nicht bedenklich ist, dass mein Herz bei einer leeren Wand schneller schlägt als bei einer gezogenen Handfeuerwaffe. Dann ist es mir egal und ich gehe nach Hause.
Ich packe mein eigentlich für die Arbeit gedachtes Brot aus, beiße einmal ab und schmeiße es weg. Im Fernsehen erzählen sie von dem Überfall. Da ist auch Harald. Harald der Held. So wird er gezeigt. Seine Schweißflecken stechen nicht ins Auge, sondern die nur wenigen trockenen Stellen. Er sieht aus wie ein bruzelndes Schwein. Schweine-Mann. Was für ein Held.
Später ruft meine Schwester an und fragt, ob ich in der Sparkasse arbeiten würde, die gerade im Fernsehen ist. Ich sage nein. Es gibt ja so viele Sparkassen. Sie fragt nach unserer Mutter, ob sie schon wieder aus dem Krankenhaus raus sei, ich antworte, sie sei leider verstorben. Dann fängt sie an zu heulen und ich sag ihr, es war nur ein Scherz. Sie ist noch zu verheult, um mich anzubrüllen und legt den Hörer auf die Gabel. Oder drückt den Knopf mit rotem Telefonsymbol. Ich habe noch ein altes Telefon von zu Hause mitgenommen, als ich auszog. Meine Schwester kaufte schon immer lieber alles neu.
Das Telefon klingelt anschließend noch einige Male. Die Polizei bittet mich am nächsten Vormittag ins Revier zu kommen, um auszusagen. Irgendeine Frau bietet mir psychologischen Beistand an. Das sei ein Standardverfahren bei Überfallopfern, versichert sie mir. Ich lehne dankend ab. Meine Mutter ist schließlich die letzte Anruferin. Sie schreit mich an, wie ich solch üble Scherze mit meiner Schwester treiben könne. Ich reiße das Kabel aus der Buchse und mache mich fertig fürs Bett.
Ich brauche kein Baldrian, ich brauche einen Hammer. Denn ohne Schmerzen kann ich nicht mehr einschlafen.  Ich schaue Nachrichten über Anschläge, Abstürze, Vergewaltigung und hungrige Kinder. Die hatten auch keinen guten Tag. Es sieht fast so aus, als hätte die ganze Welt sogar einen richtig beschissenen Tag gehabt. Bevor die Beiträge mit den niedlichen Tierbabies kommen, schlafe ich ein.
Am nächsten Morgen gehe ich zur Arbeit. Der Chef will, "dass möglichst schnell wieder der Alltag Normalität wird". Während er diesen unglaublich dämlichen Satz spricht, höre ich zum ersten Mal, wie traurig und verbittert selbst mein inneres Lachen mittlerweile klingt. Ich kann nicht weiter darüber nachdenken, da der Chef mich direkt danach zu einem Vieraugengespräch in sein Büro bittet. Mein Verhalten bei dem Überfall entsprach nicht den vorgegebenen Normen. Ich habe so Kunden und Personal in unnötige Gefahr gebracht. Er werde nicht umhin kommen, personalrechtliche Schritte zu prüfen. Ich bedanke mich für das Gespräch mit einem zertretenen Flachbildmonitor und verlasse die Sparkasse in Richtung Polizeirevier.
"Er sah aus wie ein Gemälde von Dalí", antworte ich auf die Frage nach dem Erscheinungsbild des Täters. Natürlich weiß keiner etwas mit dieser Beschreibung anzufangen. Ich beschreibe stattdessen mich selbst und warte gespannt, wann sie es merken. Doch sie merken es nicht.
Der Chef fragt mich, was ich noch hier wolle, als ich wieder zurück an meinen Arbeitsplatz will. Da frage ich mich das plötzlich auch. In meiner Jackentasche forme ich meine Hand wie eine Pistole, ganz wie in schlechten Krimikomödien und weiß selbst nicht, was ich mir dabei denke. Ich will Geld. Und ich will ein Strumpfband. Nach dem zerstörten Monitor traut man mir also wirklich zu hier alle umlegen zu können. Eine Auszubildende opfert sich freiwillig und überlässt mir ihre getragene Strumpfhose. Es macht mir nichts aus, dass es die dickere der beiden Auszubildenden ist. Früher hätte es das. Der Chef persönlich schaufelt bereits eine Tüte mit Geld voll, doch ich bestehe darauf, dass Harald das übernimmt. Schweine-Harald. Dieses Mal erkenne ich nicht eine einzige trockene Stelle an seinem Hemd.
Ich verlasse die Sparkasse mit zwei Tüten voll Geld und gehe ruhigen Schrittes die Straße entlang. Erst nach einigen Metern bemerke ich, dass die komplette Straße bereits abgesperrt und gesichert ist - ich bin sicher, es war der Schweine-Mann, der den Alarmknopf drückte. Ich solle mich nicht mehr bewegen und die Waffe auf den Boden schmeißen. Ich lache und gehe immer weiter, bis der erste Schuss fällt.
Sie stehen um mich rum und glotzen mich doof an, als hätten sie mich noch nie in ihrem Leben gesehen. Zwei haben bei mir ein Konto eröffnet, zwei andere nahmen meine Zeugenaussage auf. Nun liege ich da vor den Idioten, gänzlich unbewaffnet und nur am Bein getroffen. Erst jetzt setze ich die Strumpfhose auf, da die zweite Hand nun nicht mehr so bedrohlich wirken muss. Und für einen Augenblick, da erinnert sich einer. An Dalí. An die Beständigkeit des Erinnerns. Alles fließt, alles zerrint. Und was immer so hart schien ist plötzlich ganz weich.
Am nächsten Tag wird man den Fernseher wieder nicht einschalten können, ohne davon zu hören, wie Schweine-Mann ein weiteres Mal die Welt rettete. Ich hatte dann wieder keinen guten Tag. Und schon übermorgen wird die ganze Welt den Schweine-Mann vergessen haben. Spätestens, wenn die Tierbabies kommen. Was für ein Held.

Sunday, March 22, 2009

So ist das nun mal

Sie sieht ihn an, mit einem Blick der verrät, dass sie nur darauf wartet, dass etwas besseres kommt. Perfektion kann's nie geben hat er ihr immer gesagt. Er ist der einzige, der noch daran glaubt. Er hat ein Haltbarkeitsdatum, das sie beide nicht kennen. Doch der Tag kommt näher, an dem er es überschreitet und sie ihn wegwerfen wird. Wie einen schimmeligen Joghurt. So sieht sie ihn an. Es gibt immer Luft nach oben, doch oben ist die Luft dünn. Warum fällt das Atmen plötzlich so schwer?
Er kauft heute ein, von allem immer zwei, wenn sie's nicht will, isst er's morgen alleine. Was kann es besseres geben, als mit dem Kopf durch die Wand, einen verblassenden Traum zu leben? Was will sie denn mehr, was kann er nur ändern, hat sie jemals etwas gesagt?
Er packt alles in den Kühlschrank, von allem immer zwei. Sie sitzt da und röchelt und hustet und schnappt und er weiß, jetzt ist es vorbei. Die Luft die sie atmet ist dünner als seine. Er steht Stunden unter der Dusche, wäscht sich die Haut wund, doch der Schimmel geht einfach nicht ab. Sie ist in den Wolken, er bleibt im Tal. Es gibt immer Luft nach oben, so ist das nun mal. 
Jetzt isst er zwei Brötchen, zwei Eier, zwei Twix, und hofft unter Tränen, dass sie nicht erstickt. 

Ein schimmeliger Joghurt schläft an der Wand, bei offenem Fenster, bei frischer Luft im Erdgeschoss. Verschluckt und ausgespuckt. Doch nicht das Ende der Welt.

Sunday, March 15, 2009

Vage Mut

Wann wirst du wieder ruhig schlafen? Wann ist alles nicht mehr so laut? So schreiend nach Lösung, so sinnlos und taub. Sie alle, sie schlafen und schnarchen und knarzen, sie hören dich reden aber nicht was du sagst. Hast du je was bewegt, hast du je was erlebt, hast du je auch nur ein Herz erreicht? Was in dir schlummert raubt dir die Ruhe, was in dir brodelt hält dich von alleine nicht warm. Es hält dich wach. Du bist nirgends gewesen, hast niemanden gesehen. Was soll so einer von der Welt schon verstehen? Du musst reisen, du musst ziehen. Ziehen lassen was nicht will, dass es dir was bedeutet, erst dann wird es still. Du musst reisen und sehen, was die Welt vor dir versteckt. Andere Leute. Was weißt du schon, was wissen die? Wann holst du auf?
Nimm die Decke vom Kopf und blick' in die Sonne, lass' dir die Augen verbrennen und dann auf ins Gefecht. Es ist ein Tag, wie jeder andere, irgendwann schläfst du ein. Sieh der Wahrheit ins Gesicht und lass' sie doch schreien. Was hat sie schon gesehen, was hat sie schon erlebt? Sie ist immer auf Reisen und kommt immer zu spät. Sie verschläft ihren Einsatz, sie verpasst ihren Zug, dabei wäre sie dir doch zum Schlafen genug. So bleibt alles vage und mutig musst du sein, sonst holst du sie im Leben doch nicht mehr ein. Und was soll so einer von der Welt schon verstehen? Schlaf' ein.

Sunday, February 15, 2009

Scherbenhäufchen Elend

Du wolltest nie wachsen, nie so werden, niemals so wie jetzt. Was ist das für eine Welt, die dich nicht schlafen lässt, nicht rasten, die dich treibt und dich dazu zwingt, immer und immer wieder größer zu werden. Du passt jetzt schon durch keine Tür mehr. Deine Welt ist es nicht. Deine Welt liegt versteckt darunter und deine Liebe ist alles, was sie zusammenhält. Doch die Liebe ist müde. Wenn sie sich schlafen legt, legst du dich daneben und hörst ihr zu, wie sie leise schnarcht, als sei es das Schnarchen einer feinen, älteren Dame.Wenn sie aufwacht, ist alles beim Alten. Wenn sie aufwacht, ist die Welt noch in Ordnung. Und wenn ihr Schnarchen zwischenzeitlich verstummt, stockt dir der Atem und du sagst der Welt, die nicht deine ist und ohne die du doch nicht kannst, innerlich Lebewohl. Alles bricht zusammen, alles geht kaputt und du schüttelst sie und schreist ihr ins leblose Gesicht, sie soll aufwachen, sie soll zu sich kommen, sie soll zu dir zurück. Doch sie liegt nur da, mit geschlossenen Augen und du verstehst einfach nicht, dass sie einfach nur schläft, weil sie ihre Ruhe braucht. Ihre Ruhe vor dem Sturm. Ein Sturm, der sie forttragen, der sie dir wegnehmen, der sie in Stücke reißen wird. Alte Liebe rostet, alte Liebe wird faltig und senil. Sie kann sich längst nicht mehr an dich erinnern. Sie kennt deinen Namen nicht, sie hält nur deine Hand, weil du dich an ihre klammerst. 
Du siehst die Wolken und weißt, sie ziehen nicht noch einmal an dir vorbei und der Wind trägt dich davon, lässt dich wieder los und du zerschellst auf dem Boden der Tatsachen. Dann steht da einer und sammelt dich auf, Stück für Stück, setzt dich neu zusammen und bringt dich wieder zurück. 
Halt' deinen Atem an.

Du bist wie ein Puzzle
das immer wieder zerfällt
einer setzt dich zusammen
und hofft dass es hält
doch niemand weiß wie du aussiehst
niemand weiß wie es geht
dein Bild ist nur vage
und doch so konkret

Du bist ein Scherbenhäufchen Elend und der Klebstoff ist weg. Doch ich hab' von einem gelesen, der brauchte nur ein wenig Spucke und ein wenig Dreck, und es sah alles aus wie neu. 
Neu und vollkommen.

Wednesday, February 11, 2009

Beeilung, Beeilung

Schöner wird's nicht mehr. Wenn einer geht, dann soll man das denken. Wenn's am schönsten ist, muss man gehen. Oder soll oder kann. Kann man machen, muss man nicht, soll man aber. Wenn man am schönsten verpasst hat, dann muss man bleiben, bis es vielleicht doch irgendwann noch einmal schöner wird. Dann Beeilung, Beeilung. 
Aber das wird es nie. 
Abwarten. 
Ich weiß gar nicht, wann's am schönsten ist. Vielleicht jetzt. Oder gestern oder morgen. Ich will es gar nicht wissen. Ich will bleiben. Es kann nicht immer Sonntag sein. Montags kommt die Müllabfuhr und dann stelle ich mich raus und lasse andere entscheiden, ob es an der Zeit ist. Tütütü knarz, ganz umsonst getrennt, kommt eh am Ende in den selben Container. Ich wollte mich nie verbrennen. Nun stehe ich hier, es ist noch ganz dunkel, tütütü knarz, gleich sind sie bei mir und der Hochofen winkt mir schief lächelnd ins Gesicht. 
Alles muss verbrannt werden.
Früher sang ich immer leise mit, wenn die Kinderstimmen im Fernsehen dem Sandmann weismachen wollten, es sei noch nicht soweit. Heute reibe ich mir den Sand aus den Augen, während um mich herum die Tonnen geleert werden. Dann fahren sie weiter. Ich gehe wieder hinein und mache dir Frühstück, esse es dann selbst, als ich merke, dass du schon zur Arbeit gefahren bist. Was übrig ist, schmeiße ich weg. Ein Beutel für alles. Beeilung, Beeilung. Morgen holen sie den Sperrmüll, vielleicht nehmen sie mich mit. Manche haben noch Verwendung für das, was andere wegschmeißen. Vielleicht wird alles wieder schön. Dann kann ich endlich gehen, weil ich so gerne noch bliebe. Und dann höre ich auf zu reiben, weil ich endlich kapiere: es bleibt immer etwas Sand zurück. Und sei es nur im Getriebe.

Tuesday, February 10, 2009

Ein Arm, ein Bein, ein Brocken Heimat

Ich habe den ganzen Weg nach Hause geschlafen und von der Welt nichts gesehen. Es sind Tage wie dieser, die mir immer wieder bewusst machen, wo ich hingehöre. Irgendwo dazwischen. Ich bin nie ganz hier und nie ganz da. Ich bin immer in der Mitte. Immer hier und immer weg. Wie ein Geist in der Flasche, der nur durch Reibung erfährt, wo er eigentlich ist. Wie ein Geist in der Flasche werde ich stets gerufen und erfülle, was man von mir wünscht. Ich bin alle Erwartungen, ich bin alles, was man will. Ich komme wie gerufen und verschwinde, wenn man mich nicht mehr braucht. Halbdurchsichtig stehe ich da und warte darauf, dass mir jemand sagt, was ich tun soll. Und wie das Sonnenlicht in meine Augen sticht, blendet es alles aus, was ich weiß und was ich will. Ich bin wie ein Flascheingeist. Ich lebe zwischen drinnen und draußen, zwischen oben und unten, zwischen Welt und Phantasie. Nichts fühlt sich wirklich an, nichts ist vollkommen. Ein Teil von mir bleibt immer zurück. Ein Arm, ein Bein, ein Brocken Heimat, den ich gerne verschenke, weil er ausgedient hat. Es ist so vieles passiert und alles verklärt, weil die Erinnerung daran allmählich verjährt. Ich bin nie da gewesen, wenn ich da sein wollte. Ich bin immer dort, wo man mich wollte und nie dort wo man mich will. Wo ich nicht sein will, wo man an meiner Flasche reibt und nie an meiner Oberfläche kratzt. Wie ein Geist in der Flasche, wunschlos, willenlos, fress' ich mich voll, bis mein Körper nicht mehr durch die Öffnung passt. Bis ich stecken bleibe. Irgendwo dazwischen. 

Saturday, February 07, 2009

Grüner wird's nicht

Es ist rot und ich weiß, es ist gleich vorbei. Doch ich will heut' nicht klagen. An der Ampel zu stehen und nicht auf grün zu warten, es ist vielleicht das schönste Rot seit Jahren. 
Meine Augen brennen und meine Stimme ist weg, ich kann nicht mehr klar denken, nicht mehr klar sehen, meinen Kopf nicht mehr senken und erst recht nicht verstehen, erst recht nicht verstehen, warum mir sowas passiert.

Es ist grün und ich weiß, ich muss längst nach Haus'. Nachts sehen die Häuser wie Nacktschnecken aus. Grüner wird's nicht werden, also geh' ich vorbei. Und denke und weiß, es ist nichts dabei. Meine Beine sind schwer, ich kann kaum noch gehen. Das Leben ist nicht fair und ich kann's nicht verstehen, ich kann's nicht verstehen,
warum mir sowas passiert.

Ich habe viel geredet und viel gelacht, viel zu wenig darüber nachgedacht. Und jetzt sitze ich hier und ich kann's nicht verstehen.
Wie konnte mir das passieren?

Tuesday, February 03, 2009

Propellerballerina

Ich trinke keinen Kaffee. Bin lieber müde als wach. Ich rede wenig bis gar nichts. Hallo und guten Tag.
Die Tage sind viel zu schnell. Und vorbei is' vorbei. Keine Zeit an dich zu denken. Allein was hilft die Jammerei.
Ich habe soviel zu tun. Meine Lider sind schwer. Und dein Bild an der Wand. Gefällt mir auch nicht mehr.
Ich atme nur noch ein. Und bestimmt nie wieder aus. Vielleicht platzt mir der Schädel. Vielleicht halt' ich's auch aus.

Ich träume oft von einem besseren Leben.
Von Baletttänzerinnen die auch Gewichte heben.
Von einem Rucksack mit Propellerantrieb.
So dass von der Last nichts mehr übrig blieb'.
Wirst du schwach wenn du siehst wie ich untergeh'?
Selbstgespräche tun niemandem weh.
Selbstgespräche tun niemandem weh.
Nicht einmal dir.

Ich wollt' noch so vieles machen. Mir die Haare kämmen. Soviel noch machen. Mich mal wieder rasieren. Die Sintflut eindämmen. 
Es zumindest nochmal probieren.

Saturday, January 03, 2009

Alternative Enden

Hallo. Viele Filme haben ein sehr langweiliges Ende. Hier die besseren Alternativen:


Stadt der Engel


Meg Ryan fährt vergnügt Fahrrad. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes.



American Pie


Die lustigen Boys stehen am Strand und reden über Sex. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes.



Spiderman 2...glaube ich


Robotentakelmann geht mit zwei Koffern mysteriösen Inhalts über eine Straße. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes. 



Keinohrhasen


Nora Tschirner wartet im Restaurant vergeblich auf Til Schweiger, der sich unbemerkt hinter ihrem Wasserglas versteckt hält. Ein Meteorit schlägt direkt in diesem Restaurant ein. Wie durch ein Wunder stirbt lediglich Til Schweiger. Abspann mit weiteren Nacktszenen Tschirners.



Armageddon


Mehrere Meteoriten schlagen in New York ein und zerstö...ach...brennende Flugzeuge schlagen in hohe Gebäude mitten in New York ein, Bruce Willis weint. Abspann mit den lustigsten Tanzszenen George W. Bushs.


Muss ja nicht immer so ein Geknutsche sein.

Sunday, December 21, 2008

Junge aus dem Keller

Ich lass' alles stehen und liegen
keine Lust mehr das zu tragen
und die Kraft mich zu verbiegen
reicht kaum noch  aus
ich will nicht klagen
nur noch raus

Halt mir den Rücken frei und sag' nicht
du hättest mich  gewarnt
halt' meinen müden Kopf und trag' mich
in die weite Welt hinaus
ich bin enttarnt
und will nach Haus'

Ich will nicht weggehen und nicht bleiben
ich will die Liebe und das Geld
ich schneid' dir mein Herz in Scheiben
wir spielen Katz' und Maus
was mich hält
hält mich nur aus



Ich bin der Junge aus dem Keller
und ich werd' es immer sein
meine Haut ist noch viel heller
als der grellste Sonnenschein
leg' dein Ohr auf die Fliesen
kannst du mich flüstern hören
ich bin der Junge aus dem Keller
ich wohne bei den Möhren
ich bin der Junge aus dem Keller
und will nur dazu gehören
doch bleib' auf halber Treppe stehen.

Tuesday, December 16, 2008

Der Mann an ihrem Bett

Das erste mal sah ich sie auf dem Grund eines Flusses und wusste genau, dass ich den Rest meines Lebens mit ihr verbringen wollte. Sie sah aus, als ob sie schlief, mit einem Lächeln im Gesicht, das von einem wunderschönen Traum zeugen musste. Vorsichtig löste ich ihren Gurt, aus Angst, sie vielleicht aufzuwecken. Ich zog sie hinauf an die Wasseroberfläche und spürte zum ersten Mal die Strömung und die Kälte. So trieben wir einige Minuten flussabwärts, bis ich es endlich schaffte, uns ans rettende Ufer zu bringen. Der Regen wusch mir das Blut aus dem Gesicht, das ich zuvor gar nicht bemerkte und das mir plötzlich bewusst machte, was überhaupt geschehen war. Ihr sah man es nicht an. Es war wie ein Wunder.
Es dauerte nicht lang, da hörte ich die Sirenen der Rettungskräfte. Ich wusste, alles würde gut werden. Doch sie nahmen sie mir weg und ich schrie und ich flehte, doch sie wollten nicht hören und sie fuhren mit ihr davon. Ich spürte den Einstich der Spritze nicht, die sie mir gaben und wachte erst in einem großen, weißen Raum wieder auf. Mein Körper fühlte sich taub an, in meinen Ohren klangen immer noch die Sirenen und das Rauschen des Flusses, der uns fast verschluckte. Uns.

Die Schwester sah mich irritiert an, versicherte mir aber,  sich erkundigen zu wollen. Alles würde gut werden. Ich solle doch erst einmal gesund werden, hieß es dann. Und ich wurde gesund, so schnell es nur ging. Man dürfe mir keine Auskünfte erteilen, das müsse mit den Angehörigen abgesprochen werden, man werde sich kundig machen. Alles muss seine Richtigkeit haben. Am Tag meiner Entlassung bekam ich endlich die Erlaubnis, sie sehen zu dürfen. Sie schlief immer noch. Man sah ihr nicht an, was passiert war. Jetzt musste sie nur noch aufwachen.
Als ich am nächsten Tag wiederkam, saß ein Mann an ihrem Bett und weinte. Er sah mich mit hasserfüllten Augen an. Ich sollte sehen, was ich angerichtet habe, schrie er mir entgegen. Ich verstand nicht, wer er ist und warum er so aufgebracht war. Ich hatte sie doch gerettet. Sie schlief doch nur. Alles sollte gut werden. Doch das wurde es nicht.
Ich wusste von dem Unfall nicht mehr viel. Man hatte mir die Details nicht erzählt, um meinen Genesungsprozess nicht zu gefährden. Der Mann an ihrem Bett hatte dieses Leben, das ich mir flussabwärts treibend nur vorstellen konnte. Er würde jeden Tag hier sitzen, den Rest seines Lebens. Also ging ich und kam nicht mehr zurück.
Es ist das Rauschen, das geblieben ist, und das Heulen der Sirenen. Die Schuld eines zerstörten Traumes, den ich auf dem Grund eines Flusses zurückließ, um einen eigenen zu träumen. Sie wachte nicht mehr auf.