Tuesday, February 10, 2009
Ein Arm, ein Bein, ein Brocken Heimat
Ich habe den ganzen Weg nach Hause geschlafen und von der Welt nichts gesehen. Es sind Tage wie dieser, die mir immer wieder bewusst machen, wo ich hingehöre. Irgendwo dazwischen. Ich bin nie ganz hier und nie ganz da. Ich bin immer in der Mitte. Immer hier und immer weg. Wie ein Geist in der Flasche, der nur durch Reibung erfährt, wo er eigentlich ist. Wie ein Geist in der Flasche werde ich stets gerufen und erfülle, was man von mir wünscht. Ich bin alle Erwartungen, ich bin alles, was man will. Ich komme wie gerufen und verschwinde, wenn man mich nicht mehr braucht. Halbdurchsichtig stehe ich da und warte darauf, dass mir jemand sagt, was ich tun soll. Und wie das Sonnenlicht in meine Augen sticht, blendet es alles aus, was ich weiß und was ich will. Ich bin wie ein Flascheingeist. Ich lebe zwischen drinnen und draußen, zwischen oben und unten, zwischen Welt und Phantasie. Nichts fühlt sich wirklich an, nichts ist vollkommen. Ein Teil von mir bleibt immer zurück. Ein Arm, ein Bein, ein Brocken Heimat, den ich gerne verschenke, weil er ausgedient hat. Es ist so vieles passiert und alles verklärt, weil die Erinnerung daran allmählich verjährt. Ich bin nie da gewesen, wenn ich da sein wollte. Ich bin immer dort, wo man mich wollte und nie dort wo man mich will. Wo ich nicht sein will, wo man an meiner Flasche reibt und nie an meiner Oberfläche kratzt. Wie ein Geist in der Flasche, wunschlos, willenlos, fress' ich mich voll, bis mein Körper nicht mehr durch die Öffnung passt. Bis ich stecken bleibe. Irgendwo dazwischen.
Saturday, February 07, 2009
Grüner wird's nicht
Es ist rot und ich weiß, es ist gleich vorbei. Doch ich will heut' nicht klagen. An der Ampel zu stehen und nicht auf grün zu warten, es ist vielleicht das schönste Rot seit Jahren.
Meine Augen brennen und meine Stimme ist weg, ich kann nicht mehr klar denken, nicht mehr klar sehen, meinen Kopf nicht mehr senken und erst recht nicht verstehen, erst recht nicht verstehen, warum mir sowas passiert.
Es ist grün und ich weiß, ich muss längst nach Haus'. Nachts sehen die Häuser wie Nacktschnecken aus. Grüner wird's nicht werden, also geh' ich vorbei. Und denke und weiß, es ist nichts dabei. Meine Beine sind schwer, ich kann kaum noch gehen. Das Leben ist nicht fair und ich kann's nicht verstehen, ich kann's nicht verstehen,
warum mir sowas passiert.
Ich habe viel geredet und viel gelacht, viel zu wenig darüber nachgedacht. Und jetzt sitze ich hier und ich kann's nicht verstehen.
Wie konnte mir das passieren?
Tuesday, February 03, 2009
Propellerballerina
Ich trinke keinen Kaffee. Bin lieber müde als wach. Ich rede wenig bis gar nichts. Hallo und guten Tag.
Die Tage sind viel zu schnell. Und vorbei is' vorbei. Keine Zeit an dich zu denken. Allein was hilft die Jammerei.
Ich habe soviel zu tun. Meine Lider sind schwer. Und dein Bild an der Wand. Gefällt mir auch nicht mehr.
Ich atme nur noch ein. Und bestimmt nie wieder aus. Vielleicht platzt mir der Schädel. Vielleicht halt' ich's auch aus.
Ich träume oft von einem besseren Leben.
Von Baletttänzerinnen die auch Gewichte heben.
Von einem Rucksack mit Propellerantrieb.
So dass von der Last nichts mehr übrig blieb'.
Wirst du schwach wenn du siehst wie ich untergeh'?
Selbstgespräche tun niemandem weh.
Selbstgespräche tun niemandem weh.
Nicht einmal dir.
Ich wollt' noch so vieles machen. Mir die Haare kämmen. Soviel noch machen. Mich mal wieder rasieren. Die Sintflut eindämmen.
Es zumindest nochmal probieren.
Saturday, January 03, 2009
Alternative Enden
Hallo. Viele Filme haben ein sehr langweiliges Ende. Hier die besseren Alternativen:





Stadt der Engel

Meg Ryan fährt vergnügt Fahrrad. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes.
American Pie

Die lustigen Boys stehen am Strand und reden über Sex. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes.
Spiderman 2...glaube ich

Robotentakelmann geht mit zwei Koffern mysteriösen Inhalts über eine Straße. Ein Meteorit schlägt ein und zerstört alles Leben auf der Erde. Abspann mit lustigen Outtakes.
Keinohrhasen

Nora Tschirner wartet im Restaurant vergeblich auf Til Schweiger, der sich unbemerkt hinter ihrem Wasserglas versteckt hält. Ein Meteorit schlägt direkt in diesem Restaurant ein. Wie durch ein Wunder stirbt lediglich Til Schweiger. Abspann mit weiteren Nacktszenen Tschirners.
Armageddon
Mehrere Meteoriten schlagen in New York ein und zerstö...ach...brennende Flugzeuge schlagen in hohe Gebäude mitten in New York ein, Bruce Willis weint. Abspann mit den lustigsten Tanzszenen George W. Bushs.
Muss ja nicht immer so ein Geknutsche sein.
Sunday, December 21, 2008
Junge aus dem Keller
Ich lass' alles stehen und liegen
keine Lust mehr das zu tragen
und die Kraft mich zu verbiegen
reicht kaum noch aus
ich will nicht klagen
nur noch raus
Halt mir den Rücken frei und sag' nicht
du hättest mich gewarnt
halt' meinen müden Kopf und trag' mich
in die weite Welt hinaus
ich bin enttarnt
und will nach Haus'
Ich will nicht weggehen und nicht bleiben
ich will die Liebe und das Geld
ich schneid' dir mein Herz in Scheiben
wir spielen Katz' und Maus
was mich hält
hält mich nur aus
Ich bin der Junge aus dem Keller
und ich werd' es immer sein
meine Haut ist noch viel heller
als der grellste Sonnenschein
leg' dein Ohr auf die Fliesen
kannst du mich flüstern hören
ich bin der Junge aus dem Keller
ich wohne bei den Möhren
ich bin der Junge aus dem Keller
und will nur dazu gehören
doch bleib' auf halber Treppe stehen.
Tuesday, December 16, 2008
Der Mann an ihrem Bett
Das erste mal sah ich sie auf dem Grund eines Flusses und wusste genau, dass ich den Rest meines Lebens mit ihr verbringen wollte. Sie sah aus, als ob sie schlief, mit einem Lächeln im Gesicht, das von einem wunderschönen Traum zeugen musste. Vorsichtig löste ich ihren Gurt, aus Angst, sie vielleicht aufzuwecken. Ich zog sie hinauf an die Wasseroberfläche und spürte zum ersten Mal die Strömung und die Kälte. So trieben wir einige Minuten flussabwärts, bis ich es endlich schaffte, uns ans rettende Ufer zu bringen. Der Regen wusch mir das Blut aus dem Gesicht, das ich zuvor gar nicht bemerkte und das mir plötzlich bewusst machte, was überhaupt geschehen war. Ihr sah man es nicht an. Es war wie ein Wunder.
Es dauerte nicht lang, da hörte ich die Sirenen der Rettungskräfte. Ich wusste, alles würde gut werden. Doch sie nahmen sie mir weg und ich schrie und ich flehte, doch sie wollten nicht hören und sie fuhren mit ihr davon. Ich spürte den Einstich der Spritze nicht, die sie mir gaben und wachte erst in einem großen, weißen Raum wieder auf. Mein Körper fühlte sich taub an, in meinen Ohren klangen immer noch die Sirenen und das Rauschen des Flusses, der uns fast verschluckte. Uns.
Die Schwester sah mich irritiert an, versicherte mir aber, sich erkundigen zu wollen. Alles würde gut werden. Ich solle doch erst einmal gesund werden, hieß es dann. Und ich wurde gesund, so schnell es nur ging. Man dürfe mir keine Auskünfte erteilen, das müsse mit den Angehörigen abgesprochen werden, man werde sich kundig machen. Alles muss seine Richtigkeit haben. Am Tag meiner Entlassung bekam ich endlich die Erlaubnis, sie sehen zu dürfen. Sie schlief immer noch. Man sah ihr nicht an, was passiert war. Jetzt musste sie nur noch aufwachen.
Als ich am nächsten Tag wiederkam, saß ein Mann an ihrem Bett und weinte. Er sah mich mit hasserfüllten Augen an. Ich sollte sehen, was ich angerichtet habe, schrie er mir entgegen. Ich verstand nicht, wer er ist und warum er so aufgebracht war. Ich hatte sie doch gerettet. Sie schlief doch nur. Alles sollte gut werden. Doch das wurde es nicht.
Ich wusste von dem Unfall nicht mehr viel. Man hatte mir die Details nicht erzählt, um meinen Genesungsprozess nicht zu gefährden. Der Mann an ihrem Bett hatte dieses Leben, das ich mir flussabwärts treibend nur vorstellen konnte. Er würde jeden Tag hier sitzen, den Rest seines Lebens. Also ging ich und kam nicht mehr zurück.
Es ist das Rauschen, das geblieben ist, und das Heulen der Sirenen. Die Schuld eines zerstörten Traumes, den ich auf dem Grund eines Flusses zurückließ, um einen eigenen zu träumen. Sie wachte nicht mehr auf.
Saturday, December 13, 2008
Monday, December 08, 2008
Saturday, December 06, 2008
Perfektion
Es ist still geworden. Er hat den Tisch gedeckt, für sich allein. Er hat immer gewusst, was ihm fehlen würde, wenn es nicht mehr da ist. Jetzt erst versteht er es. Er begießt den Braten immer wieder mit Fond, viel häufiger als eigentlich notwendig. Er will sicher sein, dass es gelingt. Alles muss perfekt sein. Immer wieder schaut er zur Uhr, ganz ungeduldig, auch wenn es keinen Grund dafür gibt. Er schmeckt den Rotkohl ab, den er viel zu früh aufgesetzt hat. Er konzentriert sich auf das leise Ticken der Uhr, um der Ohnmacht zu entfliehen. Dann gießt er ein letztes mal Fond über den Braten, den er anschließend tranchiert. Es kommt ihm vor, als schneide er sich selbst. Schmerzen kann man nicht erinnern, hat er mal gelesen. Er nimmt eine Keule und legt sie zu dem Rotkohl und den längst abgekühlten Klößen auf einen Teller. Nur noch eine Kerze erleuchtet den Küchentisch, an dem er nun sitzt.
Tick. Tick. Tick.
Je mehr man spricht, je mehr läuft man Gefahr, andere zu verletzen, hat er mal gelesen. Er will niemanden verletzen. Er sieht sich die Narben an seinen Händen an. Auch die neuen. Er will nichts sagen und nichts hören. Alles muss perfekt sein.
Tick. Tick. Tick.
Als die Kerze erlischt, steht er auf, schaltet das Licht ein und schmeißt den Braten zu denen der Vortage in den Müll. Er hat keinen Bissen genommen. Jetzt erst versteht er es. Er wischt das Blut vom Tranchiermesser ab, legt sich auf die kalten Fliesen und hört noch einige Zeit dem Ticken zu, bevor er einschläft. Es war wieder einmal ein perfekter Abend.
Tick. Tick. Tick.
Thursday, November 13, 2008
Neujahrslied
Tschüs altes Jahr
du kannst nun endlich gehen
mach Platz für Dinge
die sich nicht im Kreise drehen
Tschüs altes Jahr
wir können ja Freunde bleiben
für die Zeit, die uns noch bleibt
um sie schneller zu vertreiben
Du hast viel zu viel
gefordert und befohlen
du holtest viel zu oft
neues Feuer für die Kohlen
Und ich weiß nicht wohin
treibt mit die Flucht vor deinem Sinn
doch eines weiß ich genau
aus dir werd' ich nicht schlau
aus dir werd' ich nicht schlau
Mach's gut Jahr
und grüß' die alten Kollegen
sag ihnen es sei schon gut
es hätt' an mir gelegen
Dass nichts so war
wie es sein sollte
und mich der Winter
letztlich einfach überrollte
Und ich schaufle dein Grab
bis ich den Schatz gefunden hab
und mir ist schon ganz flau
aus dir werd' ich nicht schlau
aus dir werd' ich nicht schlau
Und ich wink' dir ein letztes Mal
und dann ist es mir auch egal
und dann ist es mir auch egal
Wednesday, November 12, 2008
Sparring
Hast du aufgegeben
oder hälst du noch fest
an den verlorenen Jahren
nur um diesen Test
an die Wand zu fahren
bau' ein neues Nest
ohne Dach überm Kopf
ein Deckel ohne Topf
nur leicht verletzt
Hast du aufgeben
oder bist du noch mutig
genug um nach Vorne zu schauen
ist deine Nase auch blutig
lass' das Blut sich nicht stauen
lass' es raus, lass es laufen
spül' es ab, crem' dich ein
denn in dem großen Haufen
wird schon jemand sein
der dich schlägt, der dich beißt und
auf deine Liebe scheißt und
mit ein wenig Glück
bleibst du auch diesmal nur
leicht verletzt
zurück
Monday, November 10, 2008
Der Mann an ihrem Bett
Das erste mal sah ich sie auf dem Grund eines Flusses und wusste genau, dass ich den Rest meines Lebens mit ihr verbringen wollte. Sie sah aus, als ob sie schlief, mit einem Lächeln im Gesicht, das von einem wunderschönen Traum zeugen musste. Vorsichtig löste ich ihren Gurt, aus Angst, sie vielleicht aufzuwecken. Ich zog sie hinauf an die Wasseroberfläche und spürte zum ersten Mal die Strömung und die Kälte. So trieben wir einige Minuten flussabwärts, bis ich es endlich schaffte, uns ans rettende Ufer zu bringen. Der Regen wusch mir das Blut aus dem Gesicht, das ich zuvor gar nicht bemerkte und das mir plötzlich bewusst machte, was überhaupt geschehen war. Ihr sah man es nicht an. Es war wie ein Wunder.
Es dauerte nicht lang, da hörte ich die Sirenen der Rettungskräfte. Ich wusste, alles würde gut werden. Doch sie nahmen sie mir weg und ich schrie und ich flehte, doch sie wollten nicht hören und sie fuhren mit ihr davon. Ich spürte den Einstich der Spritze nicht, die sie mir gaben und wachte erst in einem großen, weißen Raum wieder auf. Mein Körper fühlte sich taub an, in meinen Ohren klangen immer noch die Sirenen und das Rauschen des Flusses, der uns fast verschluckte. Uns.
Die Schwester sah mich irritiert an, versicherte mir aber, sich erkundigen zu wollen. Alles würde gut werden. Ich solle doch erst einmal gesund werden, hieß es dann. Und ich wurde gesund, so schnell es nur ging. Man dürfe mir keine Auskünfte erteilen, das müsse mit der Familie abgesprochen werden, man werde sich kundig machen. Alles muss seine Richtigkeit haben. Am Tag meiner Entlassung bekam ich endlich die Erlaubnis, sie sehen zu dürfen. Sie schlief immer noch. Man sah ihr nicht an, was passiert war. Jetzt musste sie nur noch aufwachen.
Als ich am nächsten Tag wiederkam, saß ein Mann an ihrem Bett und weinte. Er sah mich mit hasserfüllten Augen an. Ich sollte sehen, was ich angerichtet habe, schrie er mir entgegen. Ich verstand nicht, wer er war und warum er so aufgebracht war. Ich hatte sie doch gerettet. Sie schlief doch nur. Alles sollte gut werden. Doch das wurde es nicht.
Ich wusste von dem Unfall nicht mehr viel. Man hatte mir die Details nicht erzählt, um meinen Genesungsprozess nicht zu gefährden. Der Mann an ihrem Bett hatte dieses Leben, das ich mir flussabwärts treibend nur vorstellen konnte. Er würde jeden Tag hier sitzen, den Rest seines Lebens. Also ging ich und kam nicht mehr zurück.
Es ist das Rauschen, das geblieben ist, und das Heulen der Sirenen. Die Schuld eines zerstörten Traumes, den ich auf dem Grund eines Flusses zurückließ, um einen eigenen zu träumen. Sie wachte nicht mehr auf.
Sunday, October 19, 2008
Donnerstagtermin
Schluckauf ist psychisch bedingt. Davon ist er überzeugt. Zwei Monate dauert seiner mittlerweile an. Einen Hausarzt hat er nicht aufgesucht, aber eine Psychologin konsultiert er nun regelmäßig. Die rät ihm zwar stets, doch mal einen Allgemeinmediziner aufzusuchen, doch da trifft sie bei ihm auf taube Ohren. Letzten Endes zahlt er gut, also geht sie die übliche Routine mit ihm durch. Kindheit, Beziehungen, Arbeit...es gibt viel zu erzählen. Da war mal eine Ohrfeige, die ihm sein Vater verpasste. Halb so wild. Oder als er mit siebzehn seine damalige Freundin mit einem anderen Händchen haltend die Straße entlangschlendern sah. Das brach ihm wohl zu der Zeit das junge Herz, sollte jedoch auch längst überwunden sein. Allgemein findet sich einfach kein Anhaltspunkt, warum er jeden Donnerstag dort sitzt und redet. Es gibt nichts zu therapieren. Außer seinen Schluckauf natürlich. Aber was sollte eine Psychologin schon dagegen tun? Luft anhalten, ein Glas Wasser leeren, ein Löffel Zucker...ihre Ansätze konnten sich bisher nicht die Krone der Kreativität aufsetzen, also beschränkte sie sich fortan auf das, was er ihr zu beichten hatte.
Er erzählt ihr, wie sehr ihm ein echter Freund fehle, wie lange er schon keine neue Beziehung eingegangen sei und wie sehr ihn sein Job bei der Post langweile. Es sind Allerweltsprobleme, doch für ihn sind sie sein ganz allein. Er berichtet von den Schlafstörungen, die der Schluckauf mit sich gebracht hat und das er so oft sehr lang wach liege und über sein Leben nachdenke, was er gern ändern würde, wie sehr es ihn reize sich einfach in einen Flieger zu setzen und alles hintersichzulassen. Viel wäre es ohnehin nicht.
Je mehr er erzählt, desto größer wird die Verbindung und die Sympathie zwischen Psychologin und Patient. Sein Schluckauf tritt immer mehr in den Hintergrund und irgendwann fängt auch sie an aus ihrem Nähkästchen zu plaudern. Die Enttäuschung ihrer ersten Ehe, das Bedauern der Kinderlosigkeit, das Schwinden der Jugend...es ist fast, als versuchten sie sich gegenseitig zu therapieren. Doch es bleibt stets bei der einen Stunde am Donnerstagnachmittag, auch wenn insgeheim der Bedarf nach einer weiteren Sprechstunde längst ins Unermessliche gewachsen ist. Dies bleibt eine Grenze, die sie sich nicht zu übertreten wagt.
An einem Donnerstag findet sie schließlich eine Notiz von ihrer Sekretärin auf ihrem Schreibtisch. Der Schluckauf sei verschwunden, er sei ihr sehr dankbar für alles, sie hätte ihm sehr geholfen...es war wie ein Schlag in den Bauch, von dem sie sich nur langsam erholte. Sie erfuhr nicht einmal, wie nun das Ende seines Schluckaufs und ihres Donnerstagtermins zustande kam. Als wäre er selbst nur ein Schluckauf gewesen, der genauso abrupt wieder verschwindet, wie er aufgetaucht ist.
Einige Wochen später sieht sie ihn hinter dem Schalter einer Postfiliale. Sie beobachtet ihn aus der Schlange heraus und sie bemerkt, dass er hickst. Doch sie verlässt das Gebäude und erspart ihm die Konfrontation. Der Schreck hätte schließlich nichts bewirkt. Sein Schluckauf ist psychisch bedingt. Ihre Therapieversuche gescheitert. In jedweder Hinsicht.
Friday, October 17, 2008
Dämonen
Erleichterung die fehlt
wenn ich den Boden verlasse
mit gespannten Flügeln
heb' ich die träge Masse
die mich nicht loslassen will
und das taube Gefühl
eines vergebenen Lebens
hat seine Freunde mitgebracht
die wollen alle nur reden
bis spät in die Nacht
ich will ein guter Mensch sein
und darum lass' ich sie rein
hör' ihnen zu, hör' nicht auf
bis die Ohnmacht mich fragt
was hast du heut' geleistet?
was hast du heut' beklagt?
ja dann weiß, dann weiß ich
nicht genug und ganz scheußlich
sind die Träume am Tage
nach einer so schweren Nacht
eine Last kann nicht fallen
wenn man niemals erwacht
ein Absturz auf Raten
ein Blick in die Karten
verrät die Motten wie das Licht
(links ist Platz, um einen Dämon seiner Wahl auf den Monitor zu zeichnen)
Wednesday, September 17, 2008
Auf der Jagd
es ist schöner, wenn ich weg bin
so viel schöner noch als hier
es war immer schon viel schöner
ganz woanders zu sein
hier hält mich nichts, nur vieles fest
den Würgegriff werd' ich nicht los
es ist schöner, wenn ich weg bin
nicht mehr hier und nicht mehr da
ich bring' den Müll raus - den Müll raus
in dem ich bis zum Halse stecke
dann ist's als ob nichts war
und dann bin ich nicht mehr da
und nicht mehr hier
denn es ist schöner, wenn ich weg bin
und ich rufe auch nicht an
keine Briefe keine Karten
all die Worte können warten
bis ich nicht mehr weiter kann
bis ich nicht mehr [...]
es ist schöner, wenn ich weg bin
ganz egal was einmal war
es geht vorbei und ich winke noch zum Abschied
es geht vorbei und ich gehe hinterher
ein kurzes Stück
und dann zurück
und dann ist es nicht mehr hier
und dann ist es nicht mehr da
und dann ist es beinah' so
als ob nie etwas war
dann ist es schöner noch viel schöner noch
als wenn ich selbst gegangen wär'
dann ist es schöner noch viel schöner noch
und mein Herz nicht ganz so schwer
es geht vorbei
nicht mehr hier
nicht mehr da
nicht mehr hier
nicht mehr da
nichts auf der Welt
was mich zusammenhält
es geht vorbei
und ich geh' mit
es geht vorbei
doch ich halt Schritt
und am Ende weiß ich nicht mehr
wer hier der Jäger ist
ich bin entkommen
weil du dageblieben bist
und ich hier
Wednesday, September 03, 2008
Immer aufmerksam, immer wachsam
Bevor ich's vergesse, schreib' ich's lieber auf. Ein Zettel, der mich jeden Tag daran erinnert, gut zu dir zu sein. Immer aufmerksam, immer wachsam. Eine Notiz, die heute keinen Wert hat und doch morgen schon das wichtigste Utensil auf meinem Schreibtisch sein kann. Die Tage werden kürzer und die Nächte kälter und ich kurz angebunden und kalt. Und vergesslich.
Verregneter Sommer zurück, langer Winter voraus und ein Frühling, der nicht mehr zurückkommen wird. Es ist der Herbst, der mir bleibt und ein Zettel, der aus mir einen besseren Menschen machen soll. Für die Zeit, die noch bleibt. Für die Zeit danach. Es ist so schwer zu begreifen, wie schwer es mir fällt, dir all das zu geben, was ich geben will. Weil es dir zusteht. Weil du keine Zettel brauchst. Weil du etwas besseres verdienst. Ich arbeite daran. Tag und Nacht an meinem Schreibtisch. Bis ich so müde bin, dass ich noch im Büro in den Schlaf falle und davon träume, wie du gegangen bist. Während ich schlief. Ich wollte wach sein, wenn du gehst. Und nie wieder aufwachen.
Tuesday, August 19, 2008
Monday, July 28, 2008
Trümmer und Fetzen
Irgendwann haut doch jeder einmal ab. Lässt alles hinter sich. Fängt neu an. Irgendwann kommt einfach der Punkt, wo alle stehenzubleiben scheinen und nicht mehr mitgehen wollen. Manche, weil sie auf halber Strecke schon einen schönen Ort gefunden haben, an dem sie sich niederlassen wollen. Andere, weil ihre Beine lahm und ihre Köpfe müde werden und sie sich erschöpft an einen Laternenpfal klammern, bis sie der Besenwagen einsammelt und zurückbringt. Dann rennt man auf einmal vor den anderen weg, obwohl man doch anfangs zusammen losgelaufen ist. Doch jeder definiert sein eigenes Ziel. Manche kennen Abkürzungen, andere laufen die absurdesten Irrwege entlang, bis sie ihr Ziel letztlich ganz aus den Augen verlieren. Und manch einer, der ist einfach losgelaufen, einfach abgehauen, ohne Ziel, einfach nur weg-weg-weg. So einer kommt nie an. So einer steht lieber mit leeren Händen als mit einem prallgefüllten Kopf da. Alles hinter sich lassen. Neu anfangen. Und im vorbeilaufen kurz winken, damit sich niemand Sorgen macht. Alles ist in Ordnung. Sollen sie das doch denken. Bis sie das tatsächliche Chaos entdeckt haben, ist man längst über alle Berge. Und Flüsse und Seen und Täler und alles, was man sieht, vergisst man auf der Flucht. Alles hinter sich lassen und nichts hinterlassen. Keine Spuren, keine Freude, keine Tränen. Einfach weg. Weg-weg-weg. Und irgendwann ist man so weit gelaufen, dass man wieder am Startpunkt angekommen ist, ohne es zu merken. Vielleicht ist es dann gar nicht mehr so schlimm. Vielleicht bleibt man kurz stehen und sagt hallo zu allen oder manchen. Vielleicht fängt man einfach ganz neu an. Mit all den Wünschen, Träumen und Lügen im Gepäck, das man während der Flucht die ganze Zeit mit sich rumgeschleppt hat. Vielleicht vergisst man diesen schweren Koffer auch irgendwann einmal. Womöglich endet er dann als herrenloses Gepäckstück und wird zur Sicherheit gesprengt. Trümmer und Fetzen. Mehr ist es nie gewesen.
Saturday, July 12, 2008
Fehlende Seiten
Der Klang ihrer Geige ließ ihn wimmern wie ein Baby. Es war das selbe Lied, jedes Jahr im November, wenn die letzten Blätter den Boden erreichten. Das selbe Lied.
Nur mit Bademantel und Socken bekleidet saß sie da. Und sie spielte, unzählige Stunden am Stück, das selbe Lied, immer und immer wieder. In diesem völlig leeren Raum. Nur ein Stuhl in der Mitte, auf dem sie saß und spielte. Bis es dunkel wurde. Dann ging sie zu ihm, nahm ihn in den Arm und wischte ihm die Tränen aus den Augen, während sie mit den eigenen zu kämpfen hatte. Dann schloss sie die Tür, wie man auch ein dickes Buch schließt, das man nicht ausgelesen hat. Mit all dem Wissen von der Ungewissheit, mit dem Drang nach Auflösung und mit der Müdigkeit, die einen auf ein unbestimmtes morgen vertröstet.
Sie schlief immer zuerst ein. Dann legte er seine Hand auf ihren Bauch und es schien ihm, als könnte alles wieder gut sein. Als sei das alles nie passiert. Dann schlief auch er, während nebenan noch immer die Geigentöne nachhallten, die davon erzählten, dass ein Vogel Hochzeit feiern wollte.

Es sollte nur ein Kapitel lang halten und es brach ihnen das Herz. Als der nächste November kam, blieb der leere Raum mit der Geige verschlossen, wie ein dickes Buch, das im Regal verstaubt. Ein dickes Buch, dessen wichtigstes Kapitel herausgerissen wurde und dessen Ende für sie so einfach keinen Sinn mehr ergeben hätte.
Nur mit Bademantel und Socken bekleidet saß sie da. Und sie spielte, unzählige Stunden am Stück, das selbe Lied, immer und immer wieder. In diesem völlig leeren Raum. Nur ein Stuhl in der Mitte, auf dem sie saß und spielte. Bis es dunkel wurde. Dann ging sie zu ihm, nahm ihn in den Arm und wischte ihm die Tränen aus den Augen, während sie mit den eigenen zu kämpfen hatte. Dann schloss sie die Tür, wie man auch ein dickes Buch schließt, das man nicht ausgelesen hat. Mit all dem Wissen von der Ungewissheit, mit dem Drang nach Auflösung und mit der Müdigkeit, die einen auf ein unbestimmtes morgen vertröstet.
Sie schlief immer zuerst ein. Dann legte er seine Hand auf ihren Bauch und es schien ihm, als könnte alles wieder gut sein. Als sei das alles nie passiert. Dann schlief auch er, während nebenan noch immer die Geigentöne nachhallten, die davon erzählten, dass ein Vogel Hochzeit feiern wollte.

Es sollte nur ein Kapitel lang halten und es brach ihnen das Herz. Als der nächste November kam, blieb der leere Raum mit der Geige verschlossen, wie ein dickes Buch, das im Regal verstaubt. Ein dickes Buch, dessen wichtigstes Kapitel herausgerissen wurde und dessen Ende für sie so einfach keinen Sinn mehr ergeben hätte.
Friday, July 11, 2008
Schneekugel
I
Wann fängt es an
wann kann ich sagen
dass der Tag gekommen ist
an dem alle anderen schlafen
und du nicht mehr bei mir bist
wenn all die Menschen die wir trafen
längst schon heimgegangen sind
ich bleib' zurück
nur noch ein Weilchen
ich bleib' zurück
und all die Zeichen
welche wir nicht kommen sahen
die uns unsere Träume nahmen
nur noch ein kleines Stück
ein winzig kleines Stück
und ich werd' verrückt
ich bleib' zurück
nur noch ein Weilchen
zurück
denn all die Zeit schon
wussten wir dass der Moment
in dem man es beim Namen nennt
kein Ende kennt
Wann fängt es an
wann kann ich sagen
dass der Tag gekommen ist
und was bleibt zurück?

II
wann kann ich sagen
dass der Tag gekommen ist
an dem alle anderen schlafen
und du nicht mehr bei mir bist
wenn all die Menschen die wir trafen
längst schon heimgegangen sind
ich bleib' zurück
nur noch ein Weilchen
ich bleib' zurück
und all die Zeichen
welche wir nicht kommen sahen
die uns unsere Träume nahmen
nur noch ein kleines Stück
ein winzig kleines Stück
und ich werd' verrückt
ich bleib' zurück
nur noch ein Weilchen
zurück
denn all die Zeit schon
wussten wir dass der Moment
in dem man es beim Namen nennt
kein Ende kennt
Wann fängt es an
wann kann ich sagen
dass der Tag gekommen ist
und was bleibt zurück?

II
Nächstes Jahr
komm' später
dieses Jahr braucht noch Zeit
für all die Dinge die ich liebe
und für Gedankenlosigkeit
es ist ein Kampf den ich verliere
glatter Sieg durch K.O.
lass' mir noch ein paar Runden
du gewinnst doch sowieso
nächstes Jahr
wie schön es war
wie schön es war
das letzte Jahr.
komm' später
dieses Jahr braucht noch Zeit
für all die Dinge die ich liebe
und für Gedankenlosigkeit
es ist ein Kampf den ich verliere
glatter Sieg durch K.O.
lass' mir noch ein paar Runden
du gewinnst doch sowieso
nächstes Jahr
wie schön es war
wie schön es war
das letzte Jahr.
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