Saturday, November 25, 2006

Der Tod des Landschaftsgärtners - Ein Einakter



Personen

Ein Mann, Landschaftsgärtner
Der Tod


Erster und letzter Auftritt, erster und letzter Aufzug

Stadtpark, eine mitteleuropäische Großstadt




Mann: Hey, Sie, na Sie sind mir ja einer. Sie sehen ja aus wie der Tod persönlich.
Tod: Ach, finden Sie? Sowas haben schon viele gesagt, vielleicht ist da ja doch was dran.
Mann: Na wenn Sie hier mit Ihrer schwarzen Kaputze und so 'ner rostigen Sense rumsitzen, da kann man schon auf so einen Gedanken kommen. Aber ich warne Sie! Hacken Sie bloß nicht mit Ihrem Gerät in meinen Beeten rum! Sonst können wir gerne den Spieß umdrehen und SIE machen Bekanntschaft mit dem Tod!
Tod: Is' ja gut, Mann! Regen Sie sich ab! Ich will hier nur in Ruhe meine Stulle essen, dann gehe ich wieder an die Arbeit. Ihre Beete interessieren mich dabei nicht sonderlich.
Mann: Aha, was arbeiten Sie denn, wenn man fragen darf?
Tod: Wonach sieht's denn aus, mein Herr?
Mann: Ja, klar, Sie Spinner! Als ob der Tod eine Stulle essen müsste, um sich zu stärken...
Tod: Irgendwovon muss der Tod doch auch leben, mein Herr.
Mann: Sicher. Das ist sicher ein stressiger Job, was? Sterben ja täglich ein paar Millionen Menschen. Im Moment stirbt doch sicher auch jemand, sollten Sie da nicht dabei sein?
Tod: Quark, Mann! Jetzt hab ich Pause. Jetzt ess' ich meine Stulle und danach sehen wir weiter.
Mann: Und was ist mit den Menschen, die in Ihrer Pause sterben?
Tod: Na deren Seele bleibt halt so lange noch in deren toten Körpern. Ist doch kein Problem. Seelen werden ja nicht schlecht oder verfaulen mit. Was dachten Sie denn? Dass ich bei jedem einzelnen Todesfall dabei bin? Wie soll ich das denn anstellen? Ich sammle nur die Seelen ein, nachdem die Leute verstorben sind...
Mann: Und was stellen Sie dann mit diesen Seelen an, wenn man fragen darf? Bringen Sie die guten in den Himmel und die bösen in die Hölle, oder wie darf ich das verstehen?
Tod: Pff, spinnen Sie doch nicht rum, Mann. Gut und böse gibt's bei Seelen schonmal gar nicht. Seelen sind Seelen. Zum Feierabend gebe ich die dann zum Recycling.
Mann: Bitte was? Wie bitte recyclet man denn Seelen?
Tod: Mann, sind Sie schwer von Begriff. Schonmal 'ne Flasche ins Altglas gebracht? Wesentlich anders läuft's bei den Seelen auch nicht ab.
Mann: Und was wird dann aus den Seelen?
Tod: Na neue Flaschen...Seelen mein ich. Sie machen mich ganz meschugge, Mann. Die werden dann eben in Neugeborene eingepflanzt.
Mann: Also gibt es kein Leben nach dem Tod? Besitze ich auch so eine recyclete Seele, oder wie?
Tod: Haha, Leben nach dem Tod, nee, vergessen Sie das mal ganz schnell wieder. Man nimmt einfach ne Seele, schmeißt sie in den Container und ab dafür. Wie bei Glas gibt es übrigens auch bei Seelen für die verschiedenen Farben unterschiedliche Container. Da gibt es Weißseelen, Schwarzseelen, Braunseelen, Gelbseelen...
Mann: Was? Sie wollen allen Ernstes behaupten, Seelen seien nach Rassen getrennt?
Tod: Klar, Mann. Macht ihr hier unten doch auch nicht anders. Einmal, da habe ich aus Versehen 'ne weiße Seele in den Schwarzseelencontainer geschmissen. Das gab vielleicht einen Ärger. Aber das Weiße schimmerte dann doch irgendwann auch äußerlich durch und der Typ wurde dann Sänger oder sowas. Die Seele war auch irgendwie ganz kaputt irgendwann. Sowas passiert halt, wenn man sich mal vertut. Das ist halt ein wirklich verantwortungsvoller Job, den ich da habe. Man muss ja auch die Frauen- von den Männerseelen unterscheiden. Dabei läuft mir auch des Öfteren mal was schief. Dann werden die homo oder lassen sich gar umwandeln und so Zeug. Da muss man dann auch aufpassen, wenn man sich die Seelen zurückholt, dass man die das nächste Mal nicht wieder falsch einschmeißt.
Mann: Das ist ja furchtbar! Lastet denn die Verantwortung allein auf Ihren Schultern? Haben Sie denn gar keinen, der Sie unterstützt?
Tod: Nee, auch der Himmel muss Personal einsparen. Aber mein Boss hat mir vor ein paar Jahren dann die Stundenzahl gekürzt, weil ich wirklich fast rund um die Uhr am Schuften war. Zuerst hat er für alle Chinesen eine einzelne Seele entwickeln lassen, so dass ich die der Verstorbenen nicht mehr extra einsammeln muss. Wir nehmen da jetzt einfach immer 'ne Kopie von diesem Prototyp da. Sehr praktisch, das. Und na ja, Afrika habe ich dann vor ein paar Jahren auch aufgeben dürfen. Die sterben da einfach wie die Fliegen, da kommt ja keiner mehr hinterher. Die machen dafür aber so komische Begräbnistänze. Dadurch setzen sie die Seelen wohl auch irgendwie frei, hab' ich nie so ganz verstanden. Ob die Neugeborenen da überhaupt noch Seelen eingepflanzt bekommen weiß ich leider auch nicht, das is' ja 'ne ganz andere Abteilung. Zum Glück lebt ihr in Mitteleuropa mittlerweile alle so lang. Zu Zeiten der Pest damals hab ich echt kaum Schlaf bekommen wegen euch...
Mann: So, so, der Tod muss also auch noch schlafen, verstehe. Würde mich nicht überraschen, wenn er auch noch selber sterben könnte...
Tod: Blödsinn. Wenn ich nicht ausgeschlafen bin, dann mache ich eben mehr Fehler beim Sortieren. Diese Weltkriege damals, da sind mir auch ein paar Seelen abhanden gekommen, weil ich so übermüdet war. Durch diesen ständigen Bevölkerungswachstum auf der Welt kommt man auch mit dem Kopieren kaum nach, so dass viele erstmal ohne Seele auskommen müssen. Oder halt mit ner chinesischen, die sind recht simpel, da geht das Kopieren schneller.
Mann: Ich habe doch wohl hoffentlich keine chinesische Seele, oder?
Tod: Iwo, Sie haben die typische, mitteleuropäische Arbeiterseele. Davon gibt's auch nicht mehr so viele wie früher einmal. Ich bin einfach überarbeitet, brauche mal Urlaub oder sowas. Aber dann alles nacharbeiten, nä, da hab' ich auch keinen Bock drauf.
Mann: Sie haben wirklich einen an der Klatsche, mein Herr. Solch eine absurde Geschichte habe ich meinen Lebtag noch nicht gehört. Wenn Sie wirklich der Tod wären, wieso könnte ich Sie denn dann wohl sehen, hm? Hm?!

Wednesday, November 22, 2006

dreißigprozentschlimm

Nur nicht zuviel erwarten.
Dieses Jahr habe ich ein besonders tolles Geschenk für dich zu Weihnachten. Ich will nicht enttäuscht sein. Enttäuscht, weil du kein Geschenk für mich hast. Ich will dir nur eine Freude machen. Du hast viel um die Ohren und kommst sicher nicht dazu, dir ein schönes Geschenk für mich auszudenken. Das ist schon okay.

Meine Probezeit ist bald rum. Ich mache meinen Job ganz gut, denke ich. Hab' mich schnell eingefunden hier. Die Kollegen gehen zusammen mittagessen. Sie kennen mich noch nicht so gut, vielleicht nehmen sie mich mal mit, zum Essen, wenn ich übernommen werde. Ich wäre enttäuscht, wenn ich nicht übernommen werde, glaube ich. Ja, ich mache meine Arbeit gut, aber die Unternehmen müssen ja auch wirtschaften, da bin ich dann vielleicht zu teuer. Oder es gibt jemand, der meine Arbeit noch besser kann. Vielleicht bin ich nicht gut genug. Vielleicht denke ich nur, ich sei gut, dabei hat den Job vielleicht schonmal jemand besser gemacht. Ich esse zu Hause ja auch allein, da ist das hier gar kein Problem. Wahrscheinlich übernehmen sie mich nicht. Ich will nicht enttäuscht werden. Ich darf nur nicht zuviel erwarten, dann bin ich es nicht. Nur ein bisschen vielleicht.

Die Heilungschancen liegen bei 70%, sagt der Arzt. Ich weiß noch, wie ich geweint habe, als ich von deiner Krankheit erfahren habe. Wie wir beide dasaßen und weinten, Arm in Arm, weil wir es einfach nicht fassen konnten. Es klang so schlimm, jetzt ist es nur noch dreißigprozentschlimm. Morgen um diese Zeit operieren sie dich schon. Wie der Arzt das wohl berechnet hat, die 70%? Ob er da eine Statistik über ähnliche Operationen zu Rate gezogen und einfach die Toten gezählt und von der Gesamtheit aller Operationen abgezogen hat? Ich weiß es nicht. Ob der Arzt bei Studienantritt wusste, wieviel Mathematik er in seiner beruflichen Laufbahn noch begegnen wird? Ob er da enttäuscht war? Ich wäre es wohl gewesen. Ich war in Mathe auch nie besonders gut. Womöglich hätte ich mich auch hier verrechnet und den Angehörigen ganz falsche Hoffnungen gemacht. Morgen abend werde ich dich dann im Krankenhaus besuchen. Zu 70%.

Und wenn nicht? Wo wirst du sein, wenn du nicht mehr lebst? Bist du dann überhaupt noch? Irgendwo? Im Himmel vielleicht, wie man es uns damals im Konfirmandenunterricht erzählte? Weißt du noch? Wärest du enttäuscht, weil du noch soviel machen wolltest, unten auf Erden. Wir wollten doch noch gemeinsam die Wohnung streichen, erinnerst du dich? Ganz rot, weil du weiß so spießig findest.
Ich wäre wohl enttäuscht. Enttäuscht, dass Enttäuschungen auch nach dem Tod nicht aufhören. Ich hab's dir immer gesagt, erwarte nur nicht zuviel, dann bist du nicht so sehr enttäuscht. Nur ein bisschen vielleicht. Gerade frage ich mich, wie es wäre, wenn du morgen abend gar nicht mehr wärst. Wenn nach dem Tod kein Leben kommt. Wärst du auch enttäuscht, wenn es kein Leben mehr gibt, wenn das irdische Leben vorbei ist? Nein, wie solltest du auch? Du könntest ja gar nicht enttäuscht sein, wenn du nicht mehr bist.
Ich will doch gar kein Geschenk. Ich brauche den Job doch überhaupt nicht, auch keine Kollegen um mich in der Mittagspause. Alles, was ich brauche, sind dreißigprozent mehr, um diese Nacht zu überstehen. Um nur nicht zuviel zu erwarten. Ich will dich morgen abend besuchen. Ich will mit dir zu Mittag essen. Ich will rote Wände. Es ist doch bald Weihnachten.

Zu 70% bin ich morgen abend nicht enttäuscht. Für die verbleibenden dreißigprozent wünsche ich dir, dass zumindest du es nie mehr sein musst, selbst wenn es vielzuviel erwartet ist.

Saturday, November 18, 2006

Schwarzes Schaf

Es brannte in jener Nacht, in der er schlafwandelnd vor einen heranbrausenden Löschzug lief. Er brach sich beim Aufprall diverse Knochen in diversen Körperregionen, doch nach wenigen Wochen konnte er entlassen werden. Er war froh aus dem Krankenhaus zu sein, in welchem er von Schwester Tina stets wortarm und lieblos abgefertigt wurde. Wie ein Kaugummipäckchen, das über den Supermarktscanner gezogen wird.
Seine Mutter holte ihn ab, sagte kaum ein Wort, sah ihn kaum an, sah nur auf die Straße, wie ein Zombie blickte sie drein, wie eine Tote unter den Lebenden.
Als sie zu Hause ankamen, war außer den beiden niemand daheim. Normalerweise ist sein Vater um diese Zeit hier. Er hatte sich darauf gefreut, mit ihm ein wenig Autorennen zu spielen, auf der Konsole, doch er traute sich nicht zu fragen, wo er denn sei, der Vater. Er kam auch nicht zu Besuch, als er im Krankenhaus lag. Als einziges Familenmitglied besuchte ihn die Großmutter. Vater arbeitet, er arbeitet ja so viel, sagte diese stets. Mutter geht es nicht gut, die Mutter hat viel zu tun. Nun sah er mit eigenen Augen, dass es Mutter nicht gut ging. Doch er traute sich nicht zu fragen, warum. Auch fragte er nicht, wo denn sein Vater sei. Er fürchtete sich vor der Antwort, ohne genau zu wissen, weshalb.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, da war seine Hand ans Bettgestell gekettet. Er erschrak und schrie, bis endlich seine Mutter auftauchte, um ihn loszumachen. Er sah, dass sie weinte, weinte selbst, rief seinen Vater, doch er kam nicht und seine Mutter schluchtzte nur noch mehr. Sie fasste ihn bei der Hand, nahm ihn mit in den zweiten Stock, wo sein Vater oft bis spät in der Nacht am Computer saß und arbeitete. Doch der Computer war nicht da, nur schwarz, überall schwarz.

Er stürmte in sein Zimmer zurück, kettete sich ans Bett und wollte schlafen, nur noch schlafen und die Sirenen loswerden, die seinen Kopf nicht mehr verließen.

Sunday, October 22, 2006

Wie der Mann, der immer alles falsch machte, keinen Selbstmord beging

...und als er es wieder einmal vermasselt hatte, sprang der Mann, der immer alles falsch machte, hinter den Zug und musste schließlich selbst ein wenig lachen, während die kräftigen Männer der S-Bahn-Wache ihn von den Gleisen zogen.

Wednesday, October 11, 2006

Kirschkreislauf

Heute sagte jemand zu mir, der Sommer sei wohl vorbei. Dies war für diese Person kein schöner Gedanke, also versuchte ich sie aufzuheitern, indem ich ihr sagte, der Sommer sei gar nicht vorbei, er sei nur jetzt woanders. Vergebens.

Es ist an sich jedoch irgendwie beruhigend, dass er nie wirklich aufhört, der Sommer. Oder das Tageslicht. Selbst der schönste Sonnenuntergang ist irgendwo unendlich. Er wandert einfach nur weiter.

Manchmal glaube ich fast, Gefühle seien wie Jahreszeiten. Sie kommen und gehen, halten nie an, wandern nur weiter, weil alles sich dreht. Als hörte man nie auf die selbe Person zu lieben, auch wenn man nun vielleicht den Sonnenuntergang mit jemand anderem teilt. Als wandere nur alles vom Bewussten ins Unbewusste, als verdränge der Herbst den Sommer, der Winter den Herbst, der Frühling den Winter bis schließlich ein neuer Sommer den alten in Vergessenheit geraten lässt.
Und doch ist der neue Sommer gleichzeitig der alte, der gewanderte. Er kehrt zurück und man erkennt ihn nicht wieder, weil er sich doch verändert haben muss, nach all der Zeit. Doch der Sommer ist der selbe wie im letzen Jahr. Es ist der selbe Sommer wie seit Urzeiten. Der Sommer verändert sich nicht. Der Winter zwingt ihn nur immer und immer wieder zu einem Neuanfang. Was war bedeckt er mit Schnee und Eis, bis die ersten Sonnenstrahlen die dicke Schicht zum Schmelzen bringen und alles neu heranwachsen kann.
Doch wachsen an einem Kirschbaum nicht plötzlich Äpfel. An einem Nussbaum gedeihen auch nicht auf einmal Melonen. Es wachsen die gleichen Früchte, die auch im Jahr zuvor schon dort wuchsen. Die gleichen Kirschen und Nüsse. Vielleicht schmeckten die vom letzten Jahr irgendwie besser, vielleicht bildet man es sich jedoch auch einfach nur ein. Dann wünscht man sich, man hätte damals ein paar eingefroren, um sie jetzt noch essen zu können. Doch im Hinterkopf weiß man, dass sie dadurch wohl an Geschmack verloren hätten.

So akzeptiert man irgendwann einfach den Kreislauf all jener Dinge, denkt von Zeit zu Zeit vielleicht noch einmal an diese Kirschen, die besonders gut waren und wartet darauf, dass es wieder wärmer wird. Vielleicht war der letzte Sommer auch einfach zu verregnet um gutes Obst hervorzubringen.

Monday, September 25, 2006

Moll

Mein Klavier ist mein bester Freund. Mit ihm kann ich total albern, aber auch sehr traurig sein. Was ich auch bin, so ist es auch.

Es fängt meist traurig an, wird zunehmend alberner, fängt neu an, fängt mich auf.

Mein Klavier ist ein elektrisches Klavier. Ich schalte es ein, setze meine Kopfhörer auf, weil niemand hören will, wie ich wirklich bin.

Manchmal fängt es traurig an, will einfach nicht albern werden. Dann schalte ich es aus, als wäre es mein Kopf.

Mein Klavier ist mein bester Freund. Ich erzähle ihm alles. Ich höre ihm zu. Viel zu spät merke ich erst, dass ich, genaugenommen, Selbstgespräche führe.

Mein Klavier ist ein elektrisches Klavier. Wenn ich es ausschalte, wünsche ich mir manchmal ein richtiges Klavier. Dann gäbe es kein Ein und kein Aus, kein Anfang und kein Ende.
Doch spielte ich darauf, stünden wenige Augenblicke später die Nachbarn vor meiner Tür und bäten mich darum, doch etwas weniger albern zu sein.

Und so denke ich manchmal an diese traurigen Gestalten, während ich den Ausschaltknopf betätige und versuche, einen Rest Albernheit mit in den Schlaf zu retten.

Tuesday, September 12, 2006

Als Thorsten vergaß zu gratulieren...

Ich war nie Teil eines Lebens. Klar, Menschen hatten mit mir zu tun, anders geht es ja wohl nicht, richtig? Doch wenn ich nicht da war, war ich auch aus ihren Köpfen verschwunden. Als hätte es mich nie gegeben. Doch es gab mich. Nur nahm niemand so wirklich Notiz davon, wenn ich nicht direkt vor ihnen stand. Und selbst dann war es manchmal schwer.

Nicht, dass ich mich je sehr darum bemüht hätte, Teil eines Lebens zu sein. Nein, nein, ganz und gar nicht. Ich war immer schon gern allein. Was ist das denn schon, jemandem wichtig sein? Jemandem etwas zu bedeuten? Das heißt doch nur Verantwortung. Und Verantwortung heißt auch gleichzeitig Belastung. Und Belastung heißt Stress. Und von Stress bekommt man Haarausfall und im schlimmsten Falle sogar einen Infarkt. Wieso die Menschen freiwillig ihre Gesundheit so aufs Spiel setzen ist mir schon immer ein Rätsel gewesen.

Wenn man Teil eines Lebens ist, dann denkt man viel zu viel nach. Über Dinge, die einen sonst gar nicht interessieren. An jemand anderen. Nicht mehr nur an sich selbst. Dabei hat man mit sich selbst doch schon genug zu tun, wie soll man da auch noch jemand anderen unterbringen? Irgendwie geht das. Irgendwie geht das wohl bei manchen Leuten. Ich könnte das nicht. Und die Menschen merken das, glaube ich. Deshalb lassen sie mich nicht in ihr Leben. Deshalb bleibe ich vor der Tür und klingele ab und zu, um ein kurzes, belangloses Schwätzchen zwischen Tür und Angel zu halten, bevor ich wieder verschwinde, aus ihren Köpfen, aus ihren Leben. Wenn sie wollten, dass ich ein Teil ihres Lebens werde, dann würden sie mich doch hineinbitten, nicht wahr? Ist doch so.
Vielleicht bin ich auch nicht energisch genug. Jeder Staubsaugervertreter hätte bessere Karten hereingelassen zu werden. Und jedesmal, wenn sie dann den Staub aus dem Teppich saugten, würden sie an ihn denken, wie nett er gewesen sei, der Herr Staubsaugervertreter, und all die Komplimente die er ihnen gemacht hätte. Sowas kann ich nicht. Sowas kann ich einfach nicht.

Ja klar, ich habe mit Menschen zu tun. Fast täglich sogar. Doch ich weiß, dass nach Feierabend niemand mehr an mich denkt. Niemand, der anruft, niemand, der fragt, wie es mir denn so geht. Ob alles wohl im grünen Bereich sei, alles paletti, solche Geschichten. Und gestern, an meinem Geburtstag, da fragte Thorsten mich in der Mittagspause, ob ich wohl langsam Geheimratsecken bekäme. Es brach mir das Herz.

Saturday, September 09, 2006

Nur zur Miete

Als es passierte, wurde sie ohnmächtig. Es vergingen nur wenige Minuten der Bewusstlosigkeit, doch als sie wieder zu sich kam, erschien es ihr, als wären Jahre vergangen.
Sie erkannte nichts wieder. Gar nichts. Weder die Stadt, in der sie lebte, noch die Menschen, die sie nun mit sorgenvoller Miene ansahen. Sie ertrug die Blicke nur mit großer Anstrengung. Wie ein verwundetes Kind sah man sie an. Menschen, die sie kannte und deren Gesichter sie doch nicht einordnen konnte. Menschen, die ihr früher viel bedeutet hatten. Doch was und warum, das wusste sie nicht mehr.
Und so schaute sie diese Menschen an, mit der selben Hilflosigkeit und noch viel größeren Ängsten. Wovor, das wusste sie nicht. Doch sie durchzuckten ihre Glieder, dass sie zusammensank. Zurück auf den Boden, auf dem sie zuvor schon minutenlang gelegen hatte, umringt von den Menschen, die ihr einst die Welt bedeuteten, doch die einfach nicht wussten, was zu tun war.
Nun kniete sie da, sah ihre Gesichter, wie sie sich langsam von ihr abwandten, sich gegenseitig um Rat ersuchend, bis sie schließlich in der einsetzenden Dämmerung kaum noch zu erkennen waren.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand auf und ging nach Hause, allein, bis sie es endlich wiedergefunden hatte.

Monday, September 04, 2006

Die Geschichte vom kotzenden Roboter

"Ich habe häufig Magenschmerzen.", klagte der Roboter, als er bei einer Routineinspektion nach auftretenden Fehlfunktionen gefragt wurde. Daraufhin lachten die Techniker und erklärten ihm, er habe doch überhaupt keinen Magen.

Als er am nächsten Morgen aktiviert wurde, da war ihm plötzlich sehr schlecht. Er behauptete sehr starke Krämpfe in der Magengegend zu haben. Sein Besitzer ging von einem Programmierfehler aus, benachrichtigte die Servicestelle und deaktivierte den Roboter vorsorglich wieder.

Der Techniker überprüfte die Schaltkreise und die Mechaniken, entdeckte jedoch keinerlei Unstimmigkeiten. Als er den Roboter schließlich wieder in Betrieb nahm, da spie er zunächst etwas Öl, dann ganze Schrauben und Muttern. Der Techniker nahm ihn zur genaueren Untersuchung mit in die Werkstatt.

Doch auch hier, nicht der kleinste Hinweis auf eine Fehlfunktion. Schließlich wussten sie sich nicht mehr anders zu helfen und löschten den Großteil seiner Gedächtnisengramme. Nur die standarisierten Arbeitsroutinen blieben erhalten.

Bei erneuter Inbetriebnahme schien zunächst alles wieder normal zu sein. Der Roboter verrichtete seine ihm aufgetragenen Tätigkeiten effizient und den Anweisungen entsprechend. Doch nach einigen Tagen trat das gleiche Problem erneut auf. Er übergab sich diesmal sogar auf seinen Besitzer, der daraufhin mit sieben Stichen genäht werden musste. Dieser gab daraufhin den Roboter entnervt zurück und ließ sich fortan wieder von einem Schwarzen den Tee servieren.

Derweil zerlegte man den Roboter in seine Einzelteile und verfrachtete diese in diverse Ersatzteillager.
Monate später folgte schließlich eine solch massive Reklamationswelle, dass dem Unternehmen nur noch der Weg in die Insolvenz zu bleiben schien. Die unzählig eingeschickten Roboter wendeten sich nun gegen ihre finanziell stark angeschlagenen Erschaffer und übernahmen, den Protesten der Gewerkschaften zum Trotz, die Firma, welche sich von diesem Zeitpunkt an auf die Herstellung von so Roboterhunden, die springen können, spezialisierte und sich schon bald erholen sollte.

Es stellte sich also heraus, dass die Roboter ihre Krankheit nur vorgetäuscht hatten um sich persönlich zu bereichern.
"Sie wirken so...menschlich.", hörte man eine der Sachbearbeiterinnen sagen, die ihre Pläne, sich innerhalb des Unternehmens hochschlafen zu wollen, letztlich verwarf.

Saturday, August 26, 2006

Das Balasto-Grinsen



a) Lila, Grün und Orange sind das neue Camouflage.
b) satzanfänge schreibt man klein.
c) Apostroph?
d) Entpersonalisieren durch Angleichung der Handschriften.
e) Papier macht nicht dick.

Wednesday, August 23, 2006

Summand

Summer Jam

Summer in the city

Das Leben aus der Sicht einer Stechmücke (weiblich)

Summsumm, summ, summsummsummmmmmmmmusummmmmm, summ, summsuuuummmm, summ, ssssssssumm, ssssssssssuuuummmm, summ, summsummsuuuumm, summasumarum, subarummmmm, sumatrarummmmmmm, summsalasummmmm, summsummsumm, summmmmmmmmm, piiiiiiiiiiiiiiiiieeks.

Monday, July 24, 2006

Alhanko und die dreibusige Blurgh

Hier, "Miss Schweden 2006":


Was auf den ersten Blick so aussieht wie eine dieser Puppen mit den berühmten drei Öffnungen, ist in Wirklichkeit so etwas wie ein echter Mensch. Etwas irritierend wirkt das Bild wohl vor allem auch, weil es sich hierbei um eine Portraitaufnahme handelt. Damit kann natürlich erstmal niemand etwas anfangen, deswegen, auch der Vollständigkeit halber:


Na, wenn das mal nicht schon wesentlich aussagekräftiger ist. Sehr schwedisch auch, diese Bambuswand im Hintergrund. Ja, ja, die fiel mir auch erst beim dritten Mal hinsehen auf, keine Sorge. Nun ja, immerhin ist sie blond.

Außerdem auch Schauspielerin. Und sie kann Ballett. Und Reiten auch. Tanzen, singen, alles eigentlich. Sie ist professionell, bescheiden und sympathisch, sagen die Preisrichter. Gut, das haben sie auch zu der Pudeldame am Nachmittag des Vortages schon gesagt, aber es kann ja durchaus beide Male zutreffend sein. Beste Voraussetzungen also, um auch den Titel "Miss Universe" abzugreifen, sollte man meinen...

Doch es kam alles ganz anders. Es gewann mal wieder irgendsoeine dreibusige Schnepfe aus dem Omicron-Theta-System, mit so grüner Haut und erwähnte ich die drei Brüste schon? Sie hat jedenfalls drei Brüste und gewonnen. Wegen der drei Brüste, ist ja irgendwie logisch, sitzen ja auch nur Herren vom Planeten Blurgh in der Jury, diese Affen. Blurgh ist ein Planet der Affen! Drei Glocken und schon interessiert es nicht mehr, ob vielleicht jemand anderes noch singen kann oder sowas, reiten, Ballett in drei Teufelsnamen. Da, schon wieder drei. Die sind echt so fixiert, die Kerle. Affen, ich sag's ja.

Wer möchte kann nun "Miss Schweden" gerne telefonisch sein Mitgefühl aufgrund dieser Ungerechtigkeit smsen. Benutze ich das Wort falsch? Hier ist jedenfalls ihre Nummer: 08-4417111. (Nur keine falsche Scheu, sie spricht sogar Deutsch!)
Doch, doch, das ist immer noch dieselbe. Unglaublich, ich weiß. Hab ich schon erwähnt, dass sie außerdem noch zwei "Master Degrees" hat? Sollte jemand herausfinden, in was überhaupt, ich wäre sehr verbunden, wenn er mir eine Nachricht hinterlassen könnte.

Alles in allem ist denke ich sehr deutlich geworden, dass Josephine (Wahnsinn, wie früh ich ihren Namen erwähne!) es absolut verdient hätte, in irgendwelchen Dörfern feierlich Baumärkte zu eröffnen, auf Stadtfesten ihre Brüste (hier: zwei) zu präsentieren und den Winzer mit der reichsten Traubenlese mit einem Zungenkuss beglückwünschen zu dürfen.
Stattdessen darf das jetzt dieses dreibusige Wesen machen. Affen.

Sunday, July 23, 2006

Winterschlaf

Der Winter hat begonnen. Und dieses Mal wird er länger und kälter als jemals zuvor. Er wird vergessen machen, was Wärme und was Sonne war. Er wird vergessen machen, wie es sich anfühlte, als man sich ungeschützt auf diese Straßen wagen konnte. Vergessen wird alles sein, was letztlich bleibt.

In Kältestarre verharrend, den Winter vor Augen und den Sommer im Leib, rückt ein Frühling andernorts in immer weitere Ferne. Dann wird es spät, der Fernseher wird ausgeschaltet, das Bett aufgesucht. Kurz bevor die Augen geschlossen sind, schießt kurz noch der Gedanke in den Kopf, dass man doch vor ein paar Tagen noch bei offenem Fenster schlief. Dann endlich träumt man von einem herrlichen Sommer, während vor der Türe ein erster, eisiger Hauch vorbeizieht.

Sunday, March 19, 2006

Der Ausflug

Als er die Fahrertür aufbrach und den Wagen kurzschloss, da wusste er nicht, was ihn erwartete. Er suchte sich keinen Neuwagen aus, sondern ein schon recht ramponiertes Modell, mit Lackschäden und durchgerosteter Motorhaube.
Nachdem er schon eine Weile gefahren war, bemerkte er, dass sich die Nadel der Tankanzeige bereits im roten Bereich befand. Er hielt an der nächstgelegenen Tankstelle und füllte den Tank zur Hälfte. Als er wieder ins Auto stieg, saß eine Frau auf dem Beifahrersitz, die ihn mit einem Lächeln und erwartungsvollem Blick ansah.

"Hast du mir was mitgebracht?"
- "Ich...wer..."

Sie riss ihm den Schokoriegel aus der Hand, den er eigentlich für sich gekauft hatte, und aß ihn ohne ein weiteres Wort zu sagen. Dann beugte sie sich zu ihm, zog ihn zu sich heran und küsste ihn stürmisch auf den Mund. Er schmeckte das Karamellaroma an ihren Lippen und ließ den Kuss einfach geschehen. Dann setzte er sich wieder in seinen Sitz und fuhr los.

"Wohin fahren wir?"
- "Ich weiß nicht..."
"Lass' uns mal wieder zum See fahren, wir waren so lange nicht am See!"

Plötzlich kam es ihm vor, als würde er sie schon ein Leben lang kennen.
Der See war nicht weit, doch die wenigen Kilometer Autobahn, die sie zuerst hinter sich bringen mussten, wurden von einem Stau begleitet, der die Reise um mehrere Stunden hinausziehen sollte.
Sie nutzten die Zeit, redeten, lachten, küssten und sahen sich an, wie zwei Menschen, die nie etwas anderes sehen wollten. Nie etwas anderes, als die Person, in der sie sich selbst wiederfinden konnten.

Die Hupe des Hintermannes riss sie schließlich aus ihrer Seligkeit und markierte gleichzeitig die Beendigung des Verkehrerliegens. Es dauerte nun nicht mehr lang, bis sie den See erreichten. Er stieg aus dem Wagen und wartete, dass sie ihm folgte. Doch als sie versuchte die Tür zu öffnen, war diese wie verriegelt. Er dachte zunächst daran, dass sie scherzte, doch als er sah, wie die Verzweiflung sich nach und nach in ihrem Gesicht breit machte, da versuchte auch er sich an der Tür, vergebens. Als er ihr über die Fahrerseite heraushelfen wollte, bemerkte er, dass sie noch angeschnallt war. Er wollte den Gurt lösen, doch dieser klemmte fest und hielt sie im Sitz gefangen. Sie griff mit einer Hand seine, die noch immer versuchte, den Gurt zu lockern und mit der anderen wischte sie ihm den Schweiß von der Stirn, dann fuhr sie durch sein Haar. Er sah sie an, sie lächelte dasselbe Lächeln, das er an der Tankstelle zum ersten Mal sah und schaute ihn genauso erwartungsvoll an. Und er wusste nicht, wie er sie befreien konnte, und er sah, wie sie vor seinen Augen immer mehr verblasste. Als sie schon fast nicht mehr zu erkennen war, da zog sie ihn ein letztes Mal an sich heran und küsste ihn. Dieses Mal schmeckte er nichts.

Als sie schließlich völlig verblasst war, stieg er aus dem Wagen und starrte auf den See. Er hatte ihn nie zuvor gesehen. Die Sonne spiegelte sich im Wasser, bis sie schließlich mit dem Mond den Platz tauschte. Nun stand er auf, ließ das gestohlene Fahrzeug stehen und schritt mit der Erinnerung an ein Auto, das ihm nie gehörte, der Dunkelheit entgegen.

Friday, January 27, 2006

Fünfzehneinhalb

Sie konnte sich nicht wirklich vorstellen, was es bedeutete, als der Arzt bei einer Routineuntersuchung ihres Sohnes erklärte, der Junge könne keine Farben sehen. Nur Graustufen. "Sie meinen...wie ein Hund?", fragte die völlig ratlose Frau, und der Arzt nickte, obwohl er wusste, dass Hunde eigentlich doch Farben sehen können. "Ihr Sohn, er erkennt nur verschiedene Stufen von Grau, sein gesamtes farbliches Sehen beschränkt sich auf Schwarz und Weiß und dem, was dazwischenliegt.", sagte er, um es ihr irgendwie begreiflicher zu machen. Doch die Frau weinte nur und begriff erst viel später, dass es ihrem Jungen mit dieser Einschränkung nicht merklich schlechter ergehen sollte, als all den anderen Kindern.

Er lernte nicht Blau von Rot zu unterscheiden, oder Gelb von Grün. Er unterschied Stufe 5 von Stufe 32 und Stufe 12 von Stufe 26. Die in seinen Augen farblose Welt unterschied er in hell und dunkel. Er bemerkte viel feinere Unterschiede in der Helligkeit, nahm Kontraste wesentlich intensiver wahr und konnte so jeder Helligkeitsstufe eine bestimmte Zahl zuordnen. Sechsundneunzig Stufen.
Er blieb stehen, wenn die Ampel Stufe 24 anzeigte und er aß nur Bananen, wenn sie noch nicht Stufe 43 erreicht hatten. Dann waren sie ihm schon zu matschig.

Die Jahre strichen ins Land, er machte das Abitur und begann ein Studium an der Kunsthochschule. Seinen Dozenten und Professoren verschwieg er die Behinderung. Sie hatten nie auch nur den leisesten Verdacht.

Schließlich trat sie in sein Leben. Nie hatte er solch einen starken Kontrast von Helligkeit und Dunkelheit bei einem Menschen feststellen können. Ihr Haar erschien im tiefsten Schwarz, das er kannte, und ihre Haut war so bleich und grell, dass seine Augen ein wenig schmerzten, wenn er sie zu lange ansah. Doch sein Blick verließ ihr Gesicht nicht mehr.
Schließlich kam sie auf ihn zu und fragte mit leicht entnervter Miene: "Sag' mal, bist Du aus Schweden?"
Da stand er nun, sein Körper geschüttelt von einer Hilflosigkeit, die er so zuvor nicht erfahren hatte. Ein mit wegbrechender Stimme gestottertes "Nein." zwang er sich nach schier endlosen Sekunden heraus, "...wie...wie kommst du darauf?" "Du starrst mich an, als hättest Du in Deinem Leben bisher ausschließlich blonde Mädchen gesehen.", erwiderte sie. Beide lachten und seine Unsicherheit wich von Minute zu Minute, jedoch seine Augen wollten sich einfach nicht an den Kontrast gewöhnen. Der Schmerz war ihm egal.

Eines Morgens trafen die Sonnenstrahlen so hell auf ihr Gesicht, dass es förmlich zu leuchten schien. Er schaute sie an, wie sie schlief, seine Augen tränten vor Schmerzen, doch in diesem Moment bemerkte er, dass er ihrer Lippenfarbe keine Graustufe mehr zuordnen konnte. Der Rot-Ton ihrer Lippen lag zwischen 15 und 16, genau dazwischen, so dass er nicht umhin kam, ihm eine ganz eigene Stufe zuteil werden zu lassen. Doch an jenem Morgen, in dem Moment, wo die Sonne ihre blasse Haut traf, da erkannte er ihre Lippen einfach nicht wieder. Er ging ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser ab. Der Schmerz in seinen Augen, so merkte er jetzt, er war immer noch da. Und er wurde stärker...

Als sie ihm nach einer Woche den Verband abnahmen, da sah er keine Graustufen mehr. Er sah nur noch Stufe 1. Dunkelheit. Es machte keinen Unterschied mehr, ob er die Augen öffnete oder geschlossen ließ. Im Hintergrund hörte er jemanden leise weinen. Es war dasselbe hilflose Weinen, dass er mit 6 Jahren das letzte Mal gehört hatte. Diesmal wusste er, warum.

Er hatte ihr nie von diesem Schmerz erzählt, von diesem Schmerz in den Augen, wenn er sie ansah. Er selbst erkannte diesen großen Schatten nicht, den ihr alles überstrahlender Anblick auf ihn warf. Und wie die Tür nun aufgeht und ihre Stimme erklingt, da ist plötzlich wieder ein Bild vor seinen Augen. Ein Bild, das die Dunkelheit erleuchtet. Ein Bild, dessen einzige Farbe die Fünfzehneinhalb ist.

Ein Bild, das endlich aufgehört hat, weh zu tun.

Wednesday, January 25, 2006

...und Gott war das Wort.

Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die ihn aber liebhaben, müssen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Macht! - Und das Land war still vierzig Jahre.
Süß, ne? Ist aus der Bibel. Altes Testament, Richter, Kapitel 5, Vers 31. Grob geschätzt jetzt, is' klar.

Doch ab wann ist man denn ein Feind von diesem Herrn, nennen wir ihn einfach mal Gesangsverein? Er ist ja schon irgendwie Gott und macht alles selbst, also Blumen, Tiere, Eidechsen, die ja im Prinzip zu den Tieren gehören, Planeten (Mars ist ja mal echt misslungen), Weltalls, diese ganz feinen Pralinen, mit so einer Kaffeebohne obendrauf, Möbel und zu guter Letzt macht er ja auch Menschen. Aus Fimo. Später, wenn er die dann auf einen Planeten tut, in unserem Fall ist das die Erde, da wird das Fimo ganz weich beim Eintritt in die Atm...Strat...osphäre und wird dann halt zu Haut. Innen bleibt es jedoch fest, da die Hitze nur die äußere Fimoschicht tangiert. Also das, was wir als "Knochen" kennen, das ist eigentlich nichts anderes, als feinstes, devines Fimo.

Wenn also dieser Herr schon Menschen macht, warum ist der dann so doof und macht welche, die ihn liebhaben, und auf der anderen Seite welche, die ihn auf das Äußerste anfeinden, weil er zum Beispiel ein Bein vergessen hat an sie dranzumodellieren oder die ganze Familie bei einer der göttlichen Plagen von einem...was weiß ich, Riesenesel gefressen wurde. Nein, Riesenegel, das wirkt noch plagevoller. Der hat die dann auch nicht gefressen, sondern komplett leergelutscht, bis auf den letzten Tropfen.
Warum macht der das? Der könnte doch einfach sagen, du, ich habe dich modelliert, hab' mich lieb. Stattdessen macht der auch welche, die ihn hassen. Die bringen dann wiederum die Menschen um, die ihn ganz doll liebhaben und nehmen auch noch deren Wertgegenstände und verhökern die auf dem Wochenmarkt. Oder heutzutage halt bei Ebay oder Amazon. Da kann man ja auch so gebrauchtes Zeug verticken, ist ganz praktisch. Da ist eine schnelle Mark schon drin.
Wenn dieser Typ, also der Herr da, wirklich so ein endtighter Sack wäre, wie dieser Sammelband mit Kurzgeschichten über ihn uns glauben machen soll, wieso macht der dann so einen Scheiß? Ist der Sadist? Holt der sich dabei einen runter, einen Stern? Wieso muss der sich denn nicht rechtfertigen, für diese schlimme Arbeitslosigkeit momentan zum Beispiel jetzt, oder auch für Hungersnot und Krieg und Usher? Usher ist sooo scheiße, wieso schickt er den nicht in den Krieg? Kreuzzug oder sowas. Im Kosovo gibt's doch genügend Heiden. Und warum haben so viele Fimosen diesen "Gott" noch immer so lieb? Was tut der denn, dass er diese Liebhaberei verdient? Er macht ja nicht einmal den Abwasch. Der krault sich da oben jetzt genüsslich die Eier und schaut Olli Geißen, während er irgendwelchen verstorbenen thailändischen Kinderarbeitern die ganze Menschen- und Eidechsenmacherei aufs Auge drückt. Die haben das ja gar nicht ordentlich gelernt, darum kommt dann sowas bei raus, oder sowas. Dieser Arsch.

Wer sein Leben liebhat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt haßt, der wird's erhalten zum ewigen Leben.
Na, wer sagt's denn, das ewige Leben ist mir also sicher. Laut Johannes, Kapitel 12, Vers 24 im Neuen Testament (erschienen bei "rororo-your boat", Nazareth, ca. 1 n. Chr.) kann ich also vergnügt und fröhlich in die Zukunft blicken. Wenn meine Fimohülle langsam Risse bekommt, so wird...was...passieren, was gut ist, und ich lebe dann ewig. Man sollte natürlich bedenken, dass man dann letzten Endes im ewigen Hass mit sich selbst leben muss, da ja jegliche freudige Anwandlung das eigene Leben betreffend, unweigerlich zum Ende des Selbigen führen würden. Was ist da wohl jetzt besser? Bemerkenswert auch, dass die alten Juden scheinbar das Semikolon schon kannten. Und Deutsch sprachen. Wohl um uns ihren zierlichen Nippes und ihre koketten Terracotten für unzählige Goldstücke zu verkaufen und sich ein schönes, den Herrn nicht liebhabendes Leben zu ermöglichen. Man kann nur hoffen, dass sie ihr Leben liebhatten und somit dem Fegefeuer als Brennholz dienen durften. Wobei Fimo ja nicht so gut brennt, muss man sagen...

Um ein wenig kredibiler zu erscheinen, schickte der Herr uns seinen Sohn aus zweiter Ehe:

Und um die neunte Stunde rief Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani?
Ganz der Vater. Um 9 Uhr morgens schon hackedicht, unglaublich. Aus Wasser Wein machen zu können ist in den falschen Händen vielleicht doch mehr eine Last, als ein Geschenk. Sinngemäß übersetzt bedeutet dieses Zitat im Übrigen "Ich bin Jesus, ihr dummen Fotzen!"

Darum werden ihre Plagen auf einen Tag kommen: Tod, Leid und Hunger; mit Feuer wird sie verbrannt werden; denn stark ist Gott der Herr, der sie richten wird.
Sowas nennt man dann wohl "einen langen Tag haben".

Aber nicht alles, was in der Bibel steht, ist zwangsweise auch grober Unfug. Wer sein Leben liebhat und auch gerne außerehelichen GV, dem werden sogar Anmachvorschläge aller erster Kajüte unterbreitet:

Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge.
Altes Testament, Hoheslied, Kapitel 7, Vers 4, wer es noch einmal nachschlagen möchte. Das ewige Leben findet übrigens auf dem Mars statt. Bis dahin, habt euch lieb.

Sunday, January 22, 2006

Kurt van Beethoven

Wie wäre es wohl gewesen, hätte den Hit "Die Eine 2005" ein Fuchs gesungen?

Versteht wieder keiner, dachte ich mir schon. Jedenfalls werde ich eine Band gründen. Es ist einfach an der Zeit. Die restliche Musik in der Welt ist ja bekannterweise scheiße, so was weiß ich, Ricky Martin, Tokio Hotel oder Bananarama zum Beispiel. US 5 sind auch nicht gut. Andere beschweren sich ja immer, das die Musik im Allgemeinen verkomme, tun aber selbst nichts dagegen und laden weiterhin die Klingeltöne von, hier, Kraftwerk oder auch A*Teens runter. So kann das ja nichts werden. Darum, ich jetzt, Band, wie gesagt.

Doch, einfacher gesagt, als sonstewas. In jedem verfluchten Winkel der Stadt finden sich Gitarristen, Bassisten, Schlagzeuger, Sängerinnen, die schonmal bei einem Casting rausgeflogen sind und von mir aus noch Leute, die schon mal eine MP3-Datei auf ihrem Computer abgespielt haben. Ja, kacke, wo sind denn die ganzen Djembe-Rocker, Ondes-Martenot-Frickler und Echoplex-Virtuosen, jetzt, wo ich gerade eine Band gründen will? Überall habe ich Aushänge ausgehängt (was soll man auch sonst damit machen), doch nur Anrufe vom Kaliber "Bei Teenstar war ich im Recall". Juckt mich herzlich wenig, solange die Stimmbänder nicht durch Singende-Säge-Implantate ausgetauscht wurden. Sänger sind eh das Letzte. Denken, sie wären die tollsten, dabei sind sie gar nicht mal so toll und schlafen trotzdem mit mehr Frauen, als jetzt zum Beispiel der Keyboarder. Man kann ja mal nachrechnen, wie viele Frauen Kim Frank von Echt und wie viele Frauen im Gegenzug Gunnar von selbiger Ex-Gruppe auf die Matte geschickt hat. Hatte der kleine, schmierige Keyboarder was mit Enie van den Maiskölbchen oder war das der Sänger mit den fettigen Haaren und dem noch fettigeren Gesicht? Na gut, wahrscheinlich durften alle in der Band mal ran, das rosa Schweinchen ließ ja bekanntlich in dieser Hinsicht nichts anbrennen, aber Kim Frank hatte sie zuerst, jede Wette. Sänger, Asipack, nicht bandkompatibel, verzichte ich gerne drauf.

Ebenso Gitarristen. Mozart zum Beispiel. Okay, kein gutes Beispiel, aber es geht ja auch nur um den Grundgedanken, das Prinzip, sowas. Mozart musste nur mal kurz in die Saiten greifen, schon bekamen diese barocken Gräfinnen reihenweise feuchte Schlübber. Warum nur? Warum ist ein Gitarrist attraktiver, als zum Beispiel ein Vibraphonist? Gerade Mozart! Der war ja taub und hatte sich mal das Ohr abgeschnitten, bevor er sich '94 mit einer großkalibrigen Schrotflinte die vom ganzen Kiffen weichgewordene Hirnmasse wegbratzte. Und jetzt covern alle seine langweiligen Etüden, packen noch ein Bild von einer Weihnachtstasse mit Gesicht und Pimmel dazu, fertig ist das Monatspaket und der große Reibach steht schon in der Garage. Der alte Volkswagen wird trotzdem zum Pimpen gegeben, wenn die Kinder mal groß sind, dann sollen die ja ne Playstation und die halbe mongolische Wüste inklusive einheimischer Beduinen und Tuaregs im frisch lackierten Hippie-Bus haben. Außerdem kann man in den Frontscheinwerfern DVDs gucken und der Heckspoiler ist eine ausfahrbare Hornisse, welche die Leute vom TÜV mal ordentlich in den Po sticht, wenn die einem blöde kommen, von wegen Kamel und Käfighaltung etceterapepe. Wenn Mozart das gewusst hätte, dann wäre "Carmina Burana" sicherlich nur als B-Seite erschienen oder er hätte einfach allen anderen Leuten die Rübe weggeschossen. Liegt jetzt im Auge des Betrachters, was nun besser gewesen wäre. Aber nicht im Auge Mozarts, der war auch noch blind, konnte man ja sehr gut erkennen, als er da für Henry Maske "I just called to say I love you" sang. Ist lange her, auch meine Erinnerungen daran sind nur sehr vage, keine Sorge.

Fakt ist einfach, dass ich Leute brauche, die da drüber stehen, die außergewöhnliche Instrumente mit einer außergewöhnlichen Begabung und Hingabe bedienen können und die sich ganz der Band widmen, nicht der Scheinwelt, die einen erfolgreichen Act sonst so umgibt. Groupies, Drogen, kalte Schnittchen, na ja, dürfte wohl jedem klar sein. Ich habe auch absolut nichts gegen ein paar Free-Jazz-Einflüsse, also wenn jemand Tuba Libre spielt, kein Ding, willkommen in der Band.

Zu meiner Person: Ich spiele Gitarre und singe. Let's rock!!!