Sunday, October 19, 2008

Donnerstagtermin

Schluckauf ist psychisch bedingt. Davon ist er überzeugt. Zwei Monate dauert seiner mittlerweile an. Einen Hausarzt hat er nicht aufgesucht, aber eine Psychologin konsultiert er nun regelmäßig. Die rät ihm zwar stets, doch mal einen Allgemeinmediziner aufzusuchen, doch da trifft sie bei ihm auf taube Ohren. Letzten Endes zahlt er gut, also geht sie die übliche Routine mit ihm durch. Kindheit, Beziehungen, Arbeit...es gibt viel zu erzählen. Da war mal eine Ohrfeige, die ihm sein Vater verpasste. Halb so wild. Oder als er mit siebzehn seine damalige Freundin mit einem anderen Händchen haltend die Straße entlangschlendern sah. Das brach ihm wohl zu der Zeit das junge Herz, sollte jedoch auch längst überwunden sein. Allgemein findet sich einfach kein Anhaltspunkt, warum er jeden Donnerstag dort sitzt und redet. Es gibt nichts zu therapieren. Außer seinen Schluckauf natürlich. Aber was sollte eine Psychologin schon dagegen tun? Luft anhalten, ein Glas Wasser leeren, ein Löffel Zucker...ihre Ansätze konnten sich bisher nicht die Krone der Kreativität aufsetzen, also beschränkte sie sich fortan auf das, was er ihr zu beichten hatte. 
Er erzählt ihr, wie sehr ihm ein echter Freund fehle, wie lange er schon keine neue Beziehung eingegangen sei und wie sehr ihn sein Job bei der Post langweile. Es sind Allerweltsprobleme, doch für ihn sind sie sein ganz allein. Er berichtet von den Schlafstörungen, die der Schluckauf mit sich gebracht hat und das er so oft sehr lang wach liege und über sein Leben nachdenke, was er gern ändern würde, wie sehr es ihn reize sich einfach in einen Flieger zu setzen und alles hintersichzulassen. Viel wäre es ohnehin nicht. 
Je mehr er erzählt, desto größer wird die Verbindung und die Sympathie zwischen Psychologin und Patient. Sein Schluckauf tritt immer mehr in den Hintergrund und irgendwann fängt auch sie an aus ihrem Nähkästchen zu plaudern. Die Enttäuschung ihrer ersten Ehe, das Bedauern der Kinderlosigkeit, das Schwinden der Jugend...es ist fast, als versuchten sie sich gegenseitig zu therapieren. Doch es bleibt stets bei der einen Stunde am Donnerstagnachmittag, auch wenn insgeheim der Bedarf nach einer weiteren Sprechstunde längst ins Unermessliche gewachsen ist. Dies bleibt eine Grenze, die sie sich nicht zu übertreten wagt.
An einem Donnerstag findet sie schließlich eine Notiz von ihrer Sekretärin auf ihrem Schreibtisch. Der Schluckauf sei verschwunden, er sei ihr sehr dankbar für alles, sie hätte ihm sehr geholfen...es war wie ein Schlag in den Bauch, von dem sie sich nur langsam erholte. Sie erfuhr nicht einmal, wie nun das Ende seines Schluckaufs und ihres Donnerstagtermins zustande kam. Als wäre er selbst nur ein Schluckauf gewesen, der genauso abrupt wieder verschwindet, wie er aufgetaucht ist.
Einige Wochen später sieht sie ihn hinter dem Schalter einer Postfiliale. Sie beobachtet ihn aus der Schlange heraus und sie bemerkt, dass er hickst. Doch sie verlässt das Gebäude und erspart ihm die Konfrontation. Der Schreck hätte schließlich nichts bewirkt. Sein Schluckauf ist psychisch bedingt. Ihre Therapieversuche gescheitert. In jedweder Hinsicht.

Friday, October 17, 2008

Dämonen

Erleichterung die fehlt
wenn ich den Boden verlasse
mit gespannten Flügeln
heb' ich die träge Masse
die mich nicht loslassen will

und das taube Gefühl
eines vergebenen Lebens
hat seine Freunde mitgebracht
die wollen alle nur reden
bis spät in die Nacht
ich will ein guter Mensch sein

und darum lass' ich sie rein
hör' ihnen zu, hör' nicht auf
bis die Ohnmacht mich fragt
was hast du heut' geleistet?
was hast du heut' beklagt?
ja dann weiß, dann weiß ich

nicht genug und ganz scheußlich
sind die Träume am Tage
nach einer so schweren Nacht
eine Last kann nicht fallen
wenn man niemals erwacht
ein Absturz auf Raten

ein Blick in die Karten
verrät die Motten wie das Licht 





(links ist Platz, um einen Dämon seiner Wahl auf den Monitor zu zeichnen)

Wednesday, September 17, 2008

Auf der Jagd

es ist schöner, wenn ich weg bin
so viel schöner noch als hier
es war immer schon viel schöner
ganz woanders zu sein
hier hält mich nichts, nur vieles fest
den Würgegriff werd' ich nicht los
es ist schöner, wenn ich weg bin
nicht mehr hier und nicht mehr da
ich bring' den Müll raus - den Müll raus
in dem ich bis zum Halse stecke
dann ist's als ob nichts war
und dann bin ich nicht mehr da
und nicht mehr hier

denn es ist schöner, wenn ich weg bin
und ich rufe auch nicht an
keine Briefe keine Karten
all die Worte können warten
bis ich nicht mehr weiter kann
bis ich nicht mehr [...]
es ist schöner, wenn ich weg bin

ganz egal was einmal war
es geht vorbei und ich winke noch zum Abschied
es geht vorbei und ich gehe hinterher
ein kurzes Stück
und dann zurück

und dann ist es nicht mehr hier
und dann ist es nicht mehr da
und dann ist es beinah' so
als ob nie etwas war
dann ist es schöner noch viel schöner noch
als wenn ich selbst gegangen wär'
dann ist es schöner noch viel schöner noch
und mein Herz nicht ganz so schwer

es geht vorbei
nicht mehr hier
nicht mehr da
nicht mehr hier 
nicht mehr da
nichts auf der Welt
was mich zusammenhält

es geht vorbei
und ich geh' mit
es geht vorbei
doch ich halt Schritt
und am Ende weiß ich nicht mehr
wer hier der Jäger ist

ich bin entkommen
weil du dageblieben bist
und ich hier

Wednesday, September 03, 2008

Immer aufmerksam, immer wachsam

Bevor ich's vergesse, schreib' ich's lieber auf. Ein Zettel, der mich jeden Tag daran erinnert, gut zu dir zu sein. Immer aufmerksam, immer wachsam. Eine Notiz, die heute keinen Wert hat und doch morgen schon das wichtigste Utensil auf meinem Schreibtisch sein kann. Die Tage werden kürzer und die Nächte kälter und ich kurz angebunden und kalt. Und vergesslich. 
Verregneter Sommer zurück, langer Winter voraus und ein Frühling, der nicht mehr zurückkommen wird. Es ist der Herbst, der mir bleibt und ein Zettel, der aus mir einen besseren Menschen machen soll. Für die Zeit, die noch bleibt. Für die Zeit danach. Es ist so schwer zu begreifen, wie schwer es mir fällt, dir all das zu geben, was ich geben will. Weil es dir zusteht. Weil du keine Zettel brauchst. Weil du etwas besseres verdienst. Ich arbeite daran. Tag und Nacht an meinem Schreibtisch. Bis ich so müde bin, dass ich noch im Büro in den Schlaf falle und davon träume, wie du gegangen bist. Während ich schlief. Ich wollte wach sein, wenn du gehst. Und nie wieder aufwachen. 

Monday, July 28, 2008

Trümmer und Fetzen

Irgendwann haut doch jeder einmal ab. Lässt alles hinter sich. Fängt neu an. Irgendwann kommt einfach der Punkt, wo alle stehenzubleiben scheinen und nicht mehr mitgehen wollen. Manche, weil sie auf halber Strecke schon einen schönen Ort gefunden haben, an dem sie sich niederlassen wollen. Andere, weil ihre Beine lahm und ihre Köpfe müde werden und sie sich erschöpft an einen Laternenpfal klammern, bis sie der Besenwagen einsammelt und zurückbringt. Dann rennt man auf einmal vor den anderen weg, obwohl man doch anfangs zusammen losgelaufen ist. Doch jeder definiert sein eigenes Ziel. Manche kennen Abkürzungen, andere laufen die absurdesten Irrwege entlang, bis sie ihr Ziel letztlich ganz aus den Augen verlieren. Und manch einer, der ist einfach losgelaufen, einfach abgehauen, ohne Ziel, einfach nur weg-weg-weg. So einer kommt nie an. So einer steht lieber mit leeren Händen als mit einem prallgefüllten Kopf da. Alles hinter sich lassen. Neu anfangen. Und im vorbeilaufen kurz winken, damit sich niemand Sorgen macht. Alles ist in Ordnung. Sollen sie das doch denken. Bis sie das tatsächliche Chaos entdeckt haben, ist man längst über alle Berge. Und Flüsse und Seen und Täler und alles, was man sieht, vergisst man auf der Flucht. Alles hinter sich lassen und nichts hinterlassen. Keine Spuren, keine Freude, keine Tränen. Einfach weg. Weg-weg-weg. Und irgendwann ist man so weit gelaufen, dass man wieder am Startpunkt angekommen ist, ohne es zu merken. Vielleicht ist es dann gar nicht mehr so schlimm. Vielleicht bleibt man kurz stehen und sagt hallo zu allen oder manchen. Vielleicht fängt man einfach ganz neu an. Mit all den Wünschen, Träumen und Lügen im Gepäck, das man während der Flucht die ganze Zeit mit sich rumgeschleppt hat. Vielleicht vergisst man diesen schweren Koffer auch irgendwann einmal. Womöglich endet er dann als herrenloses Gepäckstück und wird zur Sicherheit gesprengt. Trümmer und Fetzen. Mehr ist es nie gewesen.

Saturday, July 12, 2008

Fehlende Seiten

Der Klang ihrer Geige ließ ihn wimmern wie ein Baby. Es war das selbe Lied, jedes Jahr im November, wenn die letzten Blätter den Boden erreichten. Das selbe Lied.
Nur mit Bademantel und Socken bekleidet saß sie da. Und sie spielte, unzählige Stunden am Stück, das selbe Lied, immer und immer wieder. In diesem völlig leeren Raum. Nur ein Stuhl in der Mitte, auf dem sie saß und spielte. Bis es dunkel wurde. Dann ging sie zu ihm, nahm ihn in den Arm und wischte ihm die Tränen aus den Augen, während sie mit den eigenen zu kämpfen hatte. Dann schloss sie die Tür, wie man auch ein dickes Buch schließt, das man nicht ausgelesen hat. Mit all dem Wissen von der Ungewissheit, mit dem Drang nach Auflösung und mit der Müdigkeit, die einen auf ein unbestimmtes morgen vertröstet.

Sie schlief immer zuerst ein. Dann legte er seine Hand auf ihren Bauch und es schien ihm, als könnte alles wieder gut sein. Als sei das alles nie passiert. Dann schlief auch er, während nebenan noch immer die Geigentöne nachhallten, die davon erzählten, dass ein Vogel Hochzeit feiern wollte.


Es sollte nur ein Kapitel lang halten und es brach ihnen das Herz. Als der nächste November kam, blieb der leere Raum mit der Geige verschlossen, wie ein dickes Buch, das im Regal verstaubt. Ein dickes Buch, dessen wichtigstes Kapitel herausgerissen wurde und dessen Ende für sie so einfach keinen Sinn mehr ergeben hätte.

Friday, July 11, 2008

Schneekugel

I

Wann fängt es an
wann kann ich sagen
dass der Tag gekommen ist
an dem alle anderen schlafen
und du nicht mehr bei mir bist
wenn all die Menschen die wir trafen
längst schon heimgegangen sind
ich bleib' zurück
nur noch ein Weilchen
ich bleib' zurück
und all die Zeichen
welche wir nicht kommen sahen
die uns unsere Träume nahmen
nur noch ein kleines Stück
ein winzig kleines Stück
und ich werd' verrückt
ich bleib' zurück
nur noch ein Weilchen
zurück
denn all die Zeit schon
wussten wir dass der Moment
in dem man es beim Namen nennt
kein Ende kennt

Wann fängt es an
wann kann ich sagen
dass der Tag gekommen ist
und was bleibt zurück?



II

Nächstes Jahr
komm' später
dieses Jahr braucht noch Zeit
für all die Dinge die ich liebe
und für Gedankenlosigkeit
es ist ein Kampf den ich verliere
glatter Sieg durch K.O.
lass' mir noch ein paar Runden
du gewinnst doch sowieso
nächstes Jahr
wie schön es war
wie schön es war
das letzte Jahr.

Monday, May 26, 2008

Obdachlos


Je langsamer die Wolken vorüberziehen, desto länger bleibt der Regen. Das habe ich gelernt in all den Jahren, die ich jetzt schon unter freiem Himmel schlafe. Das, und sicher noch einiges mehr. Es ist nass und kalt und das Feuer längst erloschen, an dem ich mich wärmte. Ich war nie gut darin, Feuer zu machen, doch es reichte stets zum Überleben. Ich komme wohl immer irgendwie durch.

Man sieht keinen einzigen Stern heute Nacht. Der Regen wird nicht aufhören. Und wie ich den Tropfen beim Aufprall auf den Fluss zusehe, gehst du über die Brücke, unter der ich lebe und ich erinnere alles, was du längst vergessen hast. Als deine Schritte verstummen, steht mir das Herz still, weil ich weiß, was passiert. Meine Glieder gelähmt vor Kälte, mein Willen zu schwach, mein Kopf zu müde. Nein, dieses Mal kann ich dich nicht auffangen, nicht aus dem Wasser ziehen, nicht... ich schwimme selbst schon zu lange in diesem Fluss. Wenn der Regen vorbei ist und die Flut vorüber, weiß ich, dann sehen wir uns wieder. Sofern dich nicht längst jemand anderes gerettet hat.

Oder du dich selbst.

Friday, April 25, 2008

Rauhfaser

Sie schlief immer an der Wand. Sie lehnte sich mit ihrem nackten Oberkörper an die kalte Tapete und genoss die Gänsehaut, die sich über ihren ganzen Körper verteilte. Erst dann konnte sie loslassen.

Es war nicht ihre Schuld, dass sie so geworden ist. Wenn sie aufwachte und sich ihr schweißgebadeter Körper von der Wand löste, dann dachte sie für einen kurzen Augenblick zurück. An all die Dinge, die langsam verblassten, so wie auch sie mit den Jahren immer fahler zu werden schien.

Und er hatte Angst um sie. Im selben Raum sitzend fragte er sich, wo sie wohl steckte. Man konnte sie nicht mehr unterscheiden. Die Wand und sie wurden schließlich eins. Und er wusste, er hatte sie verloren. Er wusste, er würde sie nicht mehr wiederfinden.

Es war nicht seine Schuld, dass sie so geworden ist. Niemand fragte mehr nach der Schuld.
Fortan schlief er an der Wand. Jede Nacht strich er mit seinen Fingern sanft über die kalte, rauhfasertapezierte Wand und stellte sich vor, es sei die Gänsehaut auf ihrem alpinaweißen Rücken. Bis er sie selber spürte. Erst dann konnte er loslassen.

Friday, April 11, 2008

Im Meer baden

Das Wasser kocht über, doch sie steht nur daneben und will nicht mehr. Es zischt wie eine Schlange, die kurz davor ist einem ihr Gift in die Adern zu stoßen. Doch sie setzt sich auf ihren Stuhl und sieht tatenlos dabei zu, wie das Wasser über den Rand schwappt. Dann hält sie es nicht mehr aus, nimmt den Topf runter und trotzdem zischt es, weil das Wasser weiter überläuft und auf die Platte tropft. Nicht mehr aus dem Topf, sondern aus ihren Augen, und das Zischen scheint noch lauter und bedrohlicher zu sein, eine Würgeschlange vielleicht, so eine, die einen als Ganzes verschlingt. Die zischen wahrscheinlich nicht einmal.
Die Nudeln lässt sie stehen und sie vergisst ihren Hunger. Sie geht baden und schläft dabei ein, während der Regen an ihr Badezimmerfenster schlägt. Sie träumt von einem Wasserfall, wie sie sich hinunterstürzt, mit ausgebreiteten Armen und klarem Kopf. Sie träumt vom Eintritt in das Wasser, wie jeder einzelne Knochen in ihrem Körper in tausend kleine Stücke zerspringt, wie ihr bewegungsloser Körper an der Oberfläche weiter flussabwärts treibt, bis er schließlich im Meer angekommen versinkt.
Es ist der schönste Traum, den sie je hatte.

Tuesday, April 08, 2008

ungesagt

Es ist ein Zögern und Warten
ein Durchbrechen der Stille
wie nur wir sie kennen
wie ein Haus aus Karten
welches wir verbrennen
bevor der Wind es uns nimmt

-

Es ist ein Reden und Schweigen
es ist ein Beideszugleich
wie nur wir es kennen
wenn die Köpfe sich neigen
und unsere Wege sich trennen
bevor sie selbst ein Ende finden

--

Es ist ein Hören und Sehen
was nicht entdeckt werden will
so wie wir uns kennen
werden wir zugrunde gehen
wenn wir es beim Namen nennen
kommt der Morgen viel zu früh

---

Es ist ein Halten und Ziehen
es ist ein Bleiben und Fliehen
es ist ein Kratzen und Beißen
es ist ein Kleben und Reißen
es kennt keinen Vergleich
es ist ein Alleszugleich
wie nur wir es kennen
unser gefallenes Reich
doch wir fallen weich
und wir landen hart

----

Alleszugleich

----

kein Anfang kein Ende
kein Kurs keine Wende
kein Start und kein Ziel
es ist nichts und doch viel

-----

Alleszugleich

-----

und nur ein Gedanke
und nur ein Gefängnis
und nur eine Schranke
mein treues Verhängnis
ein Wort zuviel
ein anderes zuwenig
unser gefallenes Reich
es braucht einen König
doch ich kann es nicht sein
nicht alles zugleich


-


Monday, March 31, 2008

Wut

Es war ein Traum, der immer wieder kam. Ein Traum voller Wut. Wut, wie ich sie im wachen Zustand nie fühlte, ja nicht einmal für möglich hielt. Wut, die alles Gute in mir verblassen ließ. Wut gegen das Vergessen, in dem ich lebte. Schreiende Wut gegen die Hinnahme, laute Wut gegen das stille Ertragen, ein Bersten in meinem Brustkorb, das alles Innere nach Außen drängte und mich in Stücke riss.

Wenn ich aufwachte, blieb ein leiser Widerhall, ein rasendes Herz, ein zornerfüllter Schmerz, ein innerer Aufschrei, der nur langsam verstummte und mich wieder schlafen ließ.
All die erloschenen Feuer, deren Rauch ich einatmete und zusehenst daran erstickte.
All die sterbenden Träume, müden Augen, vergebene Chancen und umsonst vergossenen Tränen. Ich war immer zu spät, es ist nie zu spät, nie zu spät aufzugeben, nur zu früh.
So viel Reue, so viel falsch, so viel Gutes nicht erkannt, so viel Leben vergeudet und sich selbst, sich selbst am allermeisten.


Es ist eine Ruine, doch es ist das schönste Trümmerfeld der Welt.


Ich werde darin wohnen, so lange es geht. Für Neues ist es eh zu spät. Ich war immer zu spät und es ist nie zu früh zu Haus' zu bleiben.
Hier bin ich.
Hier gehöre ich hin.
Es ist nur ein Traum, der nicht mehr wieder kommt. Ein Traum voller Wut. Wut, die mich längst nicht mehr träumen lässt. Der Regen wird weiterziehen, ich ziehe nicht mehr mit. Mein Dach ist eingerissen.
Hier bin ich.
Hier gehöre ich hin.
Und zum ersten Mal im Leben möchte ich bleiben. Zum ersten Mal leben.
Es ist nur ein Traum.

Thursday, March 27, 2008

Leichte Beute

Es war das Paradies. Ich hatte alles, was ich brauchte. Du gabst es mir. Tag für Tag. Für eine Weile war ich dein Leben. Als lebtest du nur für mich. Du gabst mir Essen und Trinken, einen Platz zum Schlafen und streicheltest mir den Kopf, wenn es mir nicht gut ging. Es war das Paradies.

Jetzt gibst du mich zum Abschuss frei.

Doch ich bin längst zu träge, um davonzulaufen, zu feige für die Wildnis, zu abhängig von dir und deiner Liebe. Ich rühre mich kein Stück und spüre, wie der Finger an deinem Abzug zittert. Du schenktest mir das Paradies für diesen einen Augenblick, nur für diesen einen Moment, nur für die Jagd. Und du brauchst die Jagd mehr als den Braten. Für sie hast du gelebt, nicht für mich, nicht für mein Fleisch, nicht für meine Liebe.
Du willst, dass ich es dir schwer mache, aber sicher nicht so. Ich bin keine Herausforderung. Ich bin leichte Beute. Nun senkst du dein Gewehr, drehst dich um und gehst nach Hause, wo sie alle auf den Hasen warten, den du hättest erlegen sollen. Sie werden es nicht verstehen.

Und ich. Ich bleibe hier sitzen. Bis ich verhungere oder ein Wolf mich reißt.

Sunday, March 23, 2008

Mathematik

Zwei Unbekannte


Selbstzerstörung > Arbeitslosigkeit


Schnittmenge

Wednesday, March 19, 2008

Freier Fall

Sie schreien mich an, doch ich kann sie nicht hören. Der Wind verweht ihre Worte. Ich kann mir schon denken, was sie mir sagen wollen. "Zieh'! Zieh' die Leine!" Und ich ziehe Leine, aber sicher nicht diese.
Die anderen geben dieses Gefühl zu schnell her, dieses Kribbeln, wenn einem der Wind mit voller Wucht entgegen schlägt, während man fällt. Sanft zu Boden gleiten, das gibt mir nichts mehr. Was nützt mir die Sicherheit, ohne die Gefahr zu kennen? Warum erzählen sie mir von der Gefahr, wenn sie sie selbst nie erlebt haben? Sie wissen doch gar nicht, wie das ist.

Newton hat ihnen Angst gemacht. Sie halten sich alle für einen Apfel. Selbst ich tue dies noch manchmal. Vielleicht zerplatze ich ja tatsächlich, wenn ich vom Baum falle. Vielleicht nicht. Es wäre allemal besser als in einem Obstkorb vor sich hinzugammeln, so wie die anderen. Da fühlen sie sich sicher, weil sie es nicht besser wissen.

Ich lasse meinen Fallschirm zu. Egal was passiert. Mein Fall ist frei. Soll ich doch zerplatzen! In vielen Jahren wird vielleicht aus meinen Überresten ein ganz neuer Apfelbaum wachsen. Mit Äpfeln ohne Fallschirm und ohne Angst davor jemandem auf den Kopf zu fallen, der vielleicht mehr in ihnen sieht als nur überreifes Obst.


"What we know is a drop. What we don't know is an ocean."

Isaac Newton

Saturday, March 15, 2008

Hafenlichter

Ich kann es ertragen
ich erinnere nichts
nur die Lichter im Hafen
der Rest ist verwischt
und ich denke
ich weiß

dass es nicht reicht.

Ich kann es ertragen
ich erinnere nichts
zitternd und fragend
wie ein halbtoter Fisch
blick' ich drein
und weiß

dass es nicht reicht.

Ich kann's nicht ertragen
ich erinnere nichts
Ängste die dich nahmen
nehmen mich in die Pflicht
nur ein Test
ich weiß

wie die Lösung heißt


und dass es nicht



dass es nicht reicht.


Tuesday, March 11, 2008

Ra[s]tlos

Seit sechs Tagen laufe ich. Ich werde ewig weiterlaufen. Ich werde nicht müde. Nicht mehr. Ich laufe, weil ich ein Ziel habe. Ein Ziel, direkt vor meinen Augen. Ich mache keine Rast mehr. ich brauche kein Essen, kein Trinken, keinen Schlaf, nichts brauche ich, nichts brauche ich mehr. Nichts brauche ich mehr als ein Ziel.
Keine Hoffnung, kein Erfolg, jeder neue Schritt sinnloser als der davor. Doch das ist egal.
Solange ich mein Ziel nicht erreiche, solange bleibt es mir erhalten. Solange gibt es einen Grund weiterzulaufen. Bis mich die Kräfte irgendwann vielleicht doch verlassen. Bis meine Beine zu schwer werden. Bis es einfach nicht mehr geht.
Seit sechs Tagen laufe ich. Ich werde ewig weiterlaufen. Ewig.

Bis der Stillstand kommt.

Monday, February 25, 2008

Vom Erdboden verschluckt / Schwarze Welle

von den Sternen ist nicht viel übrig
doch uns bleibt ja noch der Mond
es gibt so viel zu verlieren
was sich zu verlieren lohnt
so viel zu gewinnen
wenn man in den Himmel schaut
so viel zu bestaunen
wenn man sich das Staunen traut

es ist kein voller Mond heut' nacht
der dort oben einsam thront
und so schau' ich auf den Boden
weil im Himmel niemand wohnt
und so schau' ich auf den Boden
auf den Boden
wie gewohnt

und so schau' ich auf den Boden
und versink' mit jedem Schritt
ein Stück tiefer
ein Stück tiefer
ein Stück tiefer mit ihr mit
bis die Flut kommt
bis die Flut kommt
bis die Flut kommt
bleib' ich hier
vielleicht trägt sie
vielleicht treibt sie
vielleicht bringt sie
mich zu dir

Monday, February 18, 2008

Beifahrerflucht

Seit dem Unfall sehe ich doppelt. Da ist zwei von allem, wo vorher eins war. Zwei von dir. Direkt nebeneinander. Meistens sieht es dann so aus, als liefe dein Spiegelbild neben dir her. Doch letztens, da war es für einen Augenblick so, als sei etwas nicht richtig, als seien da tatsächlich zwei verschiedene Seelen in deiner Doppelgängerin und dir. Nur eine kleine Geste, doch sie stellte alles auf den Kopf, denn sie war nur einmal wahrzunehmen, nicht doppelt. Seitdem warte ich darauf, dass es noch einmal passiert. Ich weiß, es klingt verrückt. Vielleicht ist bei dem Unfall ja doch mehr in mir kaputt gegangen, als das eh schon Offensichtliche. Etwas, das die Ärzte übersehen haben.

Jetzt, wo ich endgültig an meinem Verstand zu zweifeln beginne, da ist sie wieder. Nur einmal, nicht doppelt. Eine Geste, ein Fingerzeig, der mich zum Folgen aufruft. Nur einer. Ich gehe dir nach bis du stehen bleibst und den Finger auf den Spiegel an der Wand richtest. Nur einmal, nicht doppelt. Ich sehe hinein und will meinen Augen nicht trauen, schaue dich an, alles dreht sich, alles dreht sich doppelt und dann wird es dunkel, ganz furchtbar dunkel.

Die Ärzte sagen, ich hätte unwahrscheinliches Glück gehabt. Mein erneuter Sturz habe einen reversibelen Effekt gehabt, die Doppelsichtigkeit verschwunden, alles wieder normal, alles einzeln, alles nur noch einmal da. So sitzt du nun an meinem Bett, ganz ohne Doppelgängerin, ganz gestenlos, ganz allein. Mein Lächeln wirkt gequält, doch schon in ein paar Tagen werde ich schmerzfrei sein, sagt man mir.

Heute ist meine Entlassung und ich bin froh, endlich wieder in meine normalen Klamotten schlüpfen zu dürfen. Alles ist wieder, wie es vorher war, als sei nie etwas passiert. Ich ziehe meine Jacke über, da sehe ich dich hinter mir im Spiegel und ich weiß, dass ich heute besser dich fahren lasse, da ansonsten ein weiterer Unfall vorprogrammiert wäre.

Fahr' vorsichtig.