Friday, September 10, 2010

Man in the mirror

Ich geh' nicht mehr hin. Ich war da, sie holte meine Akte raus und das war ich dann. Ich saß vor ihr und sie schaute kaum hoch, sie las mich lieber durch. Da stand ja alles.

Ich rufe wo an, ich sage eine Nummer, sie wissen Bescheid. Nur eine Nummer und da steht alles, was von mir übrig ist. Da steht nicht, wie ich bei meinem allerersten Fußballspiel geweint habe, weil meine Mitspieler mich für das Gegentor lautstark kritisierten. Da steht nicht, wie ich vor der Wohnung meines Vaters stand, gebetet habe, dass er doch da sein möge und danach nie wieder etwas mit Gott zu tun haben wollte. Da steht auch nichts davon, wie ich stolz in der Badewanne saß und mir mit einem Einwegrasierer den weichen Flaum von der Oberlippe kratzte. So etwas steht da nicht. Das alles zählt jetzt nicht mehr. Ich bekomme schließlich auch an der Fleischereitheke kein Würstchen mehr auf die Faust.

Die Kinder im Bus erinnern mich an nichts. Als sei ich nie Kind gewesen. Als hätte ich nie zum allerersten Mal auf dem Fußballplatz gestanden, oder gebetet oder mich rasiert. Was mich prägt ist nicht länger die Vergangenheit, es ist ein Stempel auf einem Formular. Ob etwas wirklich passiert ist, darüber geben nur noch beglaubigte Urkunden und Bescheinigungen Auskunft. Meine Erinnerung verrinnt, doch Papier ist geduldig. Papier kann es sich leisten, ungeachtet dieser schnelllebigen Zeit.

In einer Castingshow singt einer "Man in the mirror" von Michael Jackson, mehr schlecht als recht. Nach dem Urteil reißt er sich seine Nummer von der Brust, seine Eltern sind trotzdem stolz und schimpfen auf die vermeintliche Inkompetenz der Jury. Der junge Mann hatte nie eine Chance, auch nur ansatzweise an die Leistung seines großen Idols anzuknüpfen. Jackson war schließlich nur so gut, weil er keine Kindheit hatte.

An der Bushaltestelle hat einer mit der Sprühdose "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" an die Wand geschmiert und wurde erwischt. Er wird in den Streifenwagen geführt und leistet keinen Widerstand. Die einzige Person, die er von der Wache später anrufen wird, ist seine Mutter. Für die Polizei ist er nach seiner Abholung nur noch eine abzuheftende Akte, doch für seine Mutter bleibt er immer das Kind, das sie tröstend in den Arm nahm, nachdem ihm seine Mitspieler beim allerersten Fußballspiel so heftig beschimpften.

Saturday, July 17, 2010

Unter den Wellen

An Tagen wie diesem weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich sitze auf der Terrasse und starre aufs Meer hinaus. Es ist Sturm angesagt. Ein paar Surfern macht das nichts aus. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Du kommst vorbei und erzählst von deinem Leben. Es fängt an zu regnen und die Wellen peitschen. Du möchtest lieber rein gehen. Ich will den Surfern zusehen.
An Tagen wie diesem sehe ich das Meer in dir. Immer in Bewegung spülst du stets aufs Neue deine Entdeckungen an den Strand. Vom Sturm getrieben türmst du dich auf und verschluckst alles und jeden, der dir zu Nahe kommt. Du hast so viel Leben in dir, so viel Unentdecktes, so viel Vergessenes und Verlorenes, zwei Drittel meiner Welt sind von dir bedeckt.
An Tagen wie diesem ist alles in Unruhe, nur du bist ganz ruhig. Ich drehe mich um und sehe dich durch die Türe auf dem Sofa eingeschlafen liegen. Ein Buch auf dem Bauch, ein träumendes Lächeln im Gesicht, während ein paar Meter weiter die Welt unterzugehen scheint. Diese Welle war zuviel, wird man morgen einen der Surfer über seinen Kollegen sagen hören, den das Meer unerbittlich in seine tiefsten Abgründe gezogen hat. Zur Beruhigung werde ich ihm sagen, dass es still ist. Auch unter den monströsesten Wellen ist es immer irgendwo still, irgendwo, wo sein Surferfreund nun ist.
An Tagen wie diesem bin ich voller Sorge. Ich gehe rein und schließe die Tür, decke dich vorsichtig zu und lausche dem Pfeifen des Windes durch die undichten Fensterisolierungen. Irgendwann wachst du auf und stahlst mich an, als glitzerte die Morgensonne auf deiner rauen und berstenden Oberfläche. Dann wird es still in mir drin. Dann bin ich unter den Wellen. Meine Welle zuviel, mein schönstes Ertrinken. Bis ich schließlich nach Luft schnappend wieder an die Oberfläche fliehe.

Monday, July 12, 2010

Lachs

Die Zeit rast an uns vorbei
bremst ab und bleibt stehen
du steigst zu ihr ein
um nach dem Rechten zu sehen
Die Welt dreht sich weg
und schließlich wieder um
so viel ist zu tun
wer nichts macht bleibt dumm
ein Lachs schwimmt flussaufwärts
in den Köcher hinein
wie gern würde ich
dein Lachsbrötchen sein

Doch wo du eben noch warst
steht der Wind jetzt ganz still
und er flüstert ganz leise
dass ich das morgen noch will
Wo du eben noch saßt
ist ein Stuhl ohne Leben
der nur darauf wartet
seine Beine zu geben
für ein Glück ohne Namen
für eine Angel ohne Haken
für einen Bach ohne Strömung
für ein Flussbett ohne Laken
Doch wo du eben noch lagst
ist ein Loch in der Decke
in das ich falle und manchmal
dunkle Gedanken verstecke
Wo du eben noch standest
da ist ein Fleck an der Wand
der war mal dein Schatten
in meinem Schuh ist noch Sand

Saturday, July 03, 2010

Frau Niemand

Dieses Gebäude hat keinen Notausgang. Es ist ein Neubau und sollte eigentlich einen haben. Hat es nicht. Wie kann ein so neues Haus keinen Notausgang haben, frage ich ins Nichts. Und nichts antwortet. Und niemand. Niemand wohnt in diesem Haus, außer mir, neben mir. Wenn ich meine Türe öffne, dann sehe ich von Zeit zu Zeit ihren schemenhaften Umriss in den Flur entweichen. Frau Niemand ist scheu. Frau Niemand versteckt sich vor mir, redet nicht gern, auch nicht über meine Petition für einen Notausgang. Die soll der Hausmeister bekommen. Bisher habe nur ich unterschrieben. Sonst wohnt hier ja Niemand, ihre Meinung dazu kenne ich nicht. Ich hoffe, sie ist auf meiner Seite.

Ich warte noch ein paar Tage, doch ich erreiche Niemand nicht. Ich stehe stundenlang vor meiner Tür und sehe durch den Spion. Sie muss doch mal raus. Etwas einkaufen. Zur Arbeit. Oder hat sie keine Arbeit. Doch, Niemand hat Arbeit. Vielleicht arbeitet sie von zu Hause aus. Ich reiche die Petition ein, nur mit meiner Unterschrift.

Es gibt doch keine Not, sagt er, der Hausmeister, es gibt doch keine Notwendigkeit für einen Notausgang ohne Not. Aber wenn es brennt, es kann doch brennen, es kann doch immer mal brennen. Das sieht er nicht kommen, der Hausmeister, das kann er nicht kommen sehen. Irgendwann brennt es hier und dann kommt Niemand lebend raus, sage ich ihm. Da lächelt er mich an, der Hausmeister. Er werde sehen, was sich machen lässt.

Tuesday, June 22, 2010

X

Das sind nicht meine Beine. Sie fühlen sich geliehen an. Schon x-mal benutzt von x-Leuten in x-Situationen. Ich kann kaum mehr auf ihnen stehen, so alt und verschlissen erscheinen sie mir. Doch jeden Tag laufe ich einen Marathon. Ich laufe dir hinterher, wie ein Windhund einem Kaninchenfetzen auf Schienen. Wie ferngesteuert hetze ich mich ab, nur der Hoffnung wegen. Der Hoffnung, am Ende nicht mir leeren Händen dazustehen. Doch meine Hände sind so leer wie meine Beine kaputt sind. Alles an mir ist müde, nur in meinem Kopf brennt noch Licht. Ein Summen für die dummen ***brzzzzt*** Gedanken, dann schmort das Kabel durch und das Licht erlischt. Ich schlafe. Für den Moment.

Ich kenne den nächsten Tag so gut wie den vergangenen. Ich mag Bekanntes. Dinge, die ich kenne ***brzzzzt***, bringen mich nicht außer Atem, lassen meine schwachen Beine weiter laufen. Wie ein Batteriehäschen, das immer weiter hüpft, bis es leer ist. ***brzzzzt***

Energiesparleuchten verglühen nicht, sie gehen nur selten kaputt. Ich spare keine Energie, ich gebe immer alles. Bis ich ver***brzzzzt***glühe. In meinem Kopf glüht ein Draht, der so hell leuchtet wie die Sonne. Meine Augen brennen, meine Wangen werden r***brzzzzt***ot. Lass' mich fallen wie eine heiße Kartoffel, nur für ein paar Stunden ***brzzzzt*** will ich dunkel sein. Dunkel und kalt. Ich gebe zu viel Wärme ab, ich ***brzzzzt*** bin ineffizient. Meine Beine, mein Kop***brzzzzt***f. Sie lassen mich nicht los. Ich brenne durch. Mit dir oder ohne Sinn.

***brzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzt***

Monday, June 21, 2010

Auf der Durchreise

Es gibt einen Plan für das hier. Es ist kein guter, aber es ist ein Plan. So wie ich gelernt habe, meine Vergangenheit zu planen, so plane ich auch meine Zukunft. Jeder hat eine Vergangenheit. Ich habe viele. Man muss sie nur hinreichend planen, dann ist für jeden etwas dabei. Für den Einen war ich schon auf Safari in Tansania, für die Andere bevorzugte ich stets innereuropäische Städtereisen. Für manche war ich ein Weiberheld, für einige die Unschuld vom Lande. Was wirklich war, das ist nicht wichtig. Nicht einmal für mich selbst. Jeder Plan hat den gleichen Wert und jede mögliche Vergangenheit hat ihre Berechtigung. So spreche ich hier das Tischgebet, während ich andernorts das Essen nur mit einem lauten Rülpser quittiere. Es gibt einen Plan, einen Plan für jeden und alles. Auch für das hier. Für die Zukunft.

Du erzählst mir von deinem und ich nicke vergnügt. Es ist ein toller Plan. Deine Zukunft ist rosig und bunt und schön. Auch wenn dein Plan mit meinem nichts zu tun haben will. Also schmiede ich einen neuen, extra für dich. Wie meine Vergangenheit soll auch meine Zukunft auf deine Bedürfnisse angepasst sein. Jeder Mensch verdient mich so, wie er mich braucht. Was ich brauche, ist gebraucht zu werden. Das ist der Plan. Und ich weiß, meine Zukunft wird rosig und bunt und schön. Falls nicht, ist das nicht wichtig. Meine Pläne sind so flexibel wie ich es bin. Wenn etwas dazwischen kommt, tausche ich meinen Plan gegen einen anderen. Bis aus der Zukunft eine Vergangenheit geworden ist, von der ich gerne erzähle.

Das ist nun der Plan. Das ist er stets gewesen. Jetzt stehe ich in deinem Leben und du lachst mich aus, weil du weißt, dass ich nur auf der Durchreise bin. Ich habe Halt gemacht, für ein kleines bisschen Gegenwart, die ich nicht planen konnte. Nicht für dich und nicht für mich. Was wirklich war, was wirklich wahr war, das werde ich schnell vergessen. Weil eine andere Vergangenheit erzählt werden wird. Eine für alle und alle für einen. Für mich selbst.

Alles im Vorbeifahren.

Tuesday, June 01, 2010

Lahme Ente

Wir nehmen unsere Räder und fahren ans Meer. Vielleicht fahren wir auch zur See hinaus. Auf einem Schiff ohne Anker und ohne Gepäck. Nichts was uns runterzieht, wir bleiben an Deck.

Wir machen Halt an jedem Hafen und winken den lieben Menschen, die ein Feuerwerk zünden, jedes Mal wenn wir gehen. All die verlorenen Freunde konnten doch nie begreifen, was diese Reise bedeutet und was wir in ihr sehen.

Wir riechen das Salz und wir füttern die Haie mit unseren Schuhen, die uns wie festgenagelt erschienen. Barfuss auf der Planke fährst du die Angel aus, doch ist sie, wie die Wellen, wie alles hier nur geliehen.

Der Fisch, den wir essen, schmeckt fahl und nach nichts. Was im Magen liegen bleibt ist das flaue Gefühl, dort zu Hause zu sein, wo nichts wirklich ist. Denn dort wo ich bin, ist nie wo du bist.

Ein Rettungsboot auf hoher See, bis sie uns finden. Du schaust mich an und wir sagen gemeinsam: Dieses Leben hat uns nicht verdient. Ein Rettungsboot, bis sie uns finden. Bis sie uns finden ist alles okay.


Sunday, May 16, 2010

Zeit der Müdigkeit


Es ist immer jemand da. Und seien es nur die Blätter im Wind, ein paar Enten im See oder ein lautloses Lachen. Niemand ist hier zu Hause und niemand wird lang bleiben. Auf der Flucht vor der Krise, auf der Jagd nach der nächsten, hin und zurück, hin und her, hin und weg. Wir wollten verschwinden und waren einfach nur fort. Wieder da, wo nichts geschieht, weil alles geblieben ist, wie es war, als es uns im Rückspiegel winkte.

Auf hoher See See See, seh' ich sie und seh' die Segel, die ich in den Wind hielt, um voranzukommen. Nach jeder Flut ist Ebbe und unsere Köpfe stecken im Watt, wo sie knistern, als sei der Sand in unseren Augen nie ausgerieben worden.

Die Zeit der Müdigkeit hat uns wieder.

Was hat sie gefehlt, in der perfekten Welt. Einer Welt, die unsere nicht sein kann und uns doch mit einem Lächeln die Wange streichelte, als sei sie am Morgen noch da. Ich liege wach, passe auf sie auf und merke nicht mal, dass ich die ganze Zeit geschlafen habe. Mit offenen Augen und geöffneter Brust.


Eine letzte Umarmung auf der Brücke, dann gehen wir wieder zu Bett, zwischen uns wird ein Kanal wieder das Meer. Ich drücke meinen Kopf ins Kissen und ersticke meine Träume, bringe sie zurück, an einen besseren Ort.
Es liegt noch Staub auf dem Terminkalender und du pustest ihn weg, wie auch der Wind uns den Sand aus den Augen bläst. Wir sind wieder zu Hause und trauen kaum unseren Augen, doch es bleibt die Gewissheit: es war immer jemand da.

Tuesday, March 09, 2010

Ein Wunder

Mir passieren keine Wunder. Passierte mir ein Wunder, dann wäre es eins, doch mir passieren ja keine. Dabei ist heute einer dieser Tage, an denen ich ein Wunder so bitter nötig hätte. Einer dieser Tage, an denen alles in die falsche Richtung zu laufen scheint. Wenn überhaupt in irgendeine. Einer dieser Tage, an denen eine gute Nachricht, eine positive Geste, eine dämliche Umarmung einen Unterschied machen würde. Einen Unterschied zwischen einem dieser Tage und einfach nur einem Tag. Doch selbst die sonst so sichere Rehctschriebung versahgt an solch einem Tag. Doch wen kümmert das schon?

Ich könne von Glück reden, dass nichts schlimmeres passiert ist, sagt jemand. Dass ich doch wohlauf und gesund bin. Jeder kann von Glück reden. Reden ist leicht. Ich habe nie vergessen, was Glück ist, doch das Erinnern fällt schwer. Es ist einer dieser Tage und ich fühle mich leer.

Kinder weinen ständig. Ich habe nie begriffen warum. Ich versuche mich zu erinnern, doch in meinem Kopf ist es dunkel. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal geweint habe. So richtig geflennt. Es war wohl in einem anderen Leben, in einer anderen Welt. Denn so sehr mir dieser Tage auch danach zumute ist, wäre es ein Wunder, kullerten mir tatsächlich die Tränen die erröteten Wangen herunter. Und Wunder passieren mir nicht. Nicht einmal das bisschen Heulerei.

Irgendwo weint eine, während sie schläft. Am Tag fehlt ihr die Zeit. Vielleicht mach ich das ja auch und merke es ebenso wenig wie sie. Ich lege meinen Kopf auf den Boden und spüre das Pulsieren ihres zitternden Körpers. Immer dann, wenn ein Wagen die angrenzende Straße durchquert.
Am nächsten Tag wache ich auf dem selben Boden auf. Alles tut weh, doch ich spüre nur noch das Pulsieren, das geblieben ist, obwohl sie sich längst aus ihrem Tal der Tränen erhoben hat.
Es lässt mich nicht los und ich halte es fest. Dort wo mein Kopf lag ist der Teppich durchnässt. Es soll mein Wunder und nicht mein Speichel sein.

Monday, January 25, 2010

Visitenkartenfrei

Ein Mann gibt mir seine Karte und grinst mir ins Gesicht.
Nur noch eine Unterschrift. Wofür, das weiß ich nicht.
Abends geh' ich unter Leute. Schüttele Hände und ess' Lachs.
Ich bin Ludwig von der Deutschen Bank
kommen Sie doch mal vorbei
oder schicken Sie ein Fax.

Im Fernsehen sagt der Bohlen: "Wer nichts ist, will auch nichts sein."
Darum bin ich heute Heribert, vom Kleintierschutzverein.
Das steht auch auf meiner Karte. Rufen Sie mal an.
Ich bin nicht ich, ich bin gegangen
doch mit etwas Glück geht ja vielleicht
meine Sekretärin ran.

In meinen Taschen, viele Geschichten
doch meine ist nicht dabei.
Wann hab ich sie das letzte Mal erzählt,
visitenkartenfrei?

Im Fernsehen sagt der Detlef: "Was glaubst du, wer du bist?"
Ich sage ihm vom Sofa aus: ich bin Klaus und ich bin Christ.
Hier ist meine Karte. Schreiben Sie mir eine Mail.
Ich bin nicht ich, ich werd' vermisst.
Und auch wenn ich mal nicht antworte
ist Ihr Wunsch mir doch Befehl.

Zur Stütze der Erinnerung
ein kleines Stückchen Pappkarton.
Mein Gesicht ist nur ein Schatten
und der macht sich jetzt davon.

Im Fernsehen sagt der Schweiger: "Wen stellst du denn dar?"
Ich bin Elizabeth Taylor, in "Cleopatra".
Das steht zwar auf keiner Karte. Doch meine Schminke, die hält dicht.
Ich bin nicht ich, ich bin ein Avatar.
Und auch wenn ich nicht existiere,
bitte vergessen Sie mich nicht.

In meinen Taschen, all die Geschichten.
Papplappen ohne Sinn.
Hab' ich meine jemals erzählt
und wo ist sie und wo bin ich hin?



Wenn doch alles nur immer so einfach wär'.
Ich bin ein Niemand und mein Kopf ist leer.
Wenn doch alles nur immer so einfach wär'.
wo kommen denn all diese Karten her?
Ich bin nicht ich, ich bin nicht irgendwer.
Wenn doch alles nur immer so einfach wär'.
Wenn doch alles nur immer so einfach wär'.
Wenn doch alles nur immer so einfach wär'.

Sunday, January 03, 2010

Koma

Ich habe einen Schlauch in meinem Bauch, weil sie es leid waren, mich zum Essen bewegen zu wollen. Ich liege den ganzen Tag. Manchmal sitze ich auch, wenn sie mich aufrichten. Dann weint jemand oder schreit mich an. Ich soll endlich aufgeben. Ich soll wieder normal sein. Kein Arzt, kein Psychologe und kein Freund, der es nicht versucht hätte. Jeder war hier, jeder sagte mir, ich solle doch endlich mit der Scheiße aufhören. Ich tue ihnen weh. Ich bin eine Belastung geworden. Ein Klotz am Bein, der nie mehr fühlte als ein Klotz. Bis sie ging.
Ich habe es vermasselt und nun trage ich die Konsequenzen. Auf meine Weise. Ich will nach außen nicht mehr sein. Nicht mehr als ein Stein. Ich will nur noch in mir existieren. Alles, was ich fühle soll mein sein. Alles, was ich denke, jedes Wort, jede Melodie. Ich will nur noch allein sein. Ganz allein.

Ich habe das Koma selbst gewählt. Viele haben sich abgewandt. Manche kommen noch von Zeit zu Zeit, nur um mir zu sagen, was für ein Arsch ich geworden bin. Wie recht sie haben. Ich habe es vermasselt. Sie kommt nicht mehr zurück. Sie kommt niemals mehr zurück.
Der Pfleger schüttelt nur den Kopf, wenn er mich wäscht. Manchmal kitzelt es, dann zucke und lächle ich kurz, nur um im nächsten Moment wieder im Nichts zu verschwinden. Es treibt ihn in den Wahnsinn. Ich weiß, er hasst mich. Jeder hasst mich jetzt. Weil ich ihnen ohne ersichtlichen Grund dieses Leid antue. Weil ich nicht mehr bei ihnen sein will. Ich bin kein Mensch mehr. Ich bin ein Problem.

Es sind zwei Jahre vergangen, seit sie ging. Seit zwei Jahren habe ich aufgehört zu sein. Mein Vater kam heute vorbei und schlug mir so fest ins Gesicht, dass ich aus den Ohren zu bluten begann. Er ließ mich einfach so liegen. Ich bin fast am Ziel.

Ich höre in mich rein, höre fast nur noch mich selbst. Alles verblasst. All die anderen Stimmen, all die Berührungen mit all ihrer Vergangenheit, all die Gesichter, die mir wichtig waren, mein ganzes Leben ist nur noch ein undurchdringlicher Nebel. Ich weiß nicht, ob es nur an der Gehirnerschütterung liegt, doch es fühlt sich richtig an. Ich bin fast da, wo ich hinwollte. Ich schließe die Augen und sinke zusammen, schwerelos und taub.

Ein kalter Lappen holt mich zurück. Jemand wischt das Blut von meinem Kopf. Alles ist verschwommen. Als der Lappen über meine Augen fährt, sehe ich sie vor mir. Sie trägt ihr Haar zu einem geflochtenen Zopf zusammengebunden. Genau wie am Tag, als sie ging. Ich öffne die Augen, damit das stechende Licht hinein brechen kann. Ein Stechen, das durch meinen ganzen Körper fährt. Ich bin nicht da, wo ich hinwollte. Ich bin nicht am Ziel. Ich habe es vermasselt. Dieses Mal richtig.

Ich versuche aufzustehen und sinke zu Boden, zu schwach sind meine Muskeln, um mich nach so langer Zeit zu tragen. Jemand hilft mir auf, ich fühle sie ist es, auch wenn es nur der Pfleger ist. Ob ich wohl endlich zur Vernunft gekommen sei, fragt er mich, ohne jegliches Gefühl in der Stimme. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich sage nichts.

Meine Mutter kommt vorbei, mit Tränen in den Augen nimmt sie mich zum ersten mal seit meines Abschieds wieder in den Arm. Mir wird schwindelig und schlecht, wenn ich daran denke, wie weh ich ihr getan habe. Oder es liegt doch nur an der Gehirnerschütterung.

Sunday, December 27, 2009

*TV

Ich binde die Schnürsenkel zu, doch nur wenige gegangene Meter später gehen sie erneut auf. Immer wieder bleibe ich stehen und senke mein Haupt, sehe auf die losen Schuhe und begreife: ich komme nicht mehr voran. Ich binde Knoten, Dreifachschleifen und all meine Kraft, doch das Stolpern setzt direkt wieder ein. So kann und so will ich nicht sein.

Ich rufe irgendjemanden an, der sagt zu und dann ab. Ist das fest oder lose, frisch oder Dose, ich weiß es einfach nicht mehr.
Ich stehe, ich warte, doch niemand erscheint. Nur eine kurze Textmitteilung: "Es tut mir leid."

Leid tut es mir auch, mich verlassen zu haben. Wer sich verlässt ist verlassen, höre ich jemanden bei Stern TV sagen. Ich nicke zustimmend und drehe mich zur Wand, unsicher, ob sie morgen noch steht.

Ich brauche neue Schuhe, brauche Klettverschluss, brauche endlich etwas, das hält. Doch die Verkäuferin lacht nur, IN IHRER GRÖSSE HAHAHA, da gibt's das nicht mehr! Aber man kann das bestellen, wir werden uns melden, doch von uns hören, das werden sie nie.

Ich hole die Post rein und lese die Karte. Jemand den ich mal kannte, schreibt nach sechs Jahren, wie schön es doch in London ist. Manchmal denke ich noch daran, welch gute Freunde wir waren, ganz ohne Mobiltelefon und Onlinegedöns. Ich lege die Karte zu den anderen Karten, die mir irgendjemand mal geschrieben haben muss. Ich hebe alles auf und starre so lang an die Decke, bis sie mir endlich auf den Kopf fällt.

Ist das was Festes oder sind wir nur lose vernetzt? Wann hast du das letzte Mal deine Freunde gezählt? Wir lassen uns los und nichts an uns ran. Mit offenen Schuhen laufen wir vor die verspätete Bahn. Dann sagt später einer bei Stern TV: Man muss ja auch an den Zugführer denken!

Ich ziehe meine Schuhe aus und lege mich auf den Boden, in der Hoffnung, dass er mich diesmal noch hält. Ich denke an den Zugführer, an ein Leben nach Fahrplan, endlich wissen, wo ich wann bin. Klettverschluss nur in Kindergrößen, wo geh' ich nur hin - wenn Günther Jauch winkt und das Nachtjournal beginnt.

Sunday, November 22, 2009

...ein Mensch zu sein

Sie sah immer ein wenig anders aus, doch ich wusste nie genau, was es war. Es fühlte sich immer neu an, wenn ich sie traf. Und immer wieder war diese Unsicherheit da, nicht zu wissen, was man sagen soll, wenn man sich mit jemandem zum ersten Mal unterhält. Dabei habe ich schon so viele Male mit ihr gesprochen, so viele Gedanken, Ängste und Wünsche ausgetauscht, so oft ihr gegenüber gesessen und überlegt, was anders ist.

Wir schauten oft alte Kinderfilme zusammen an. Sie hatte eine ganze Sammlung von alten Trickfilmen. Einmal, da schauten wir Arielle, die Meerjungfrau. Die wünschte sich so sehr ein Mensch zu sein, dass sie ihre Stimme dafür hergab. Ob sie diese Entscheidung wohl je bereute, fragte sie mich. Ob ich auch das Unterwasserparadies verlassen hätte, um ein Mensch zu sein. Was sollte ich darauf denn sagen? Es ist nicht mehr dasselbe, diese Filme zu sehen. Was mal völlig selbstverständlich schien, ist nur noch falsch und fragwürdig. Wir schauten den Film nicht zu Ende und ich ging heim, darüber nachdenkend, was die Vor- und Nachteile am Menschsein sind. Ich schüttelte den Kopf und lachte kurz über mich selbst, diese absurden Gedanken, und wischte mir den Regen von der Nasenspitze.

Als ich sie ein paar Tage später wiedersah, übergab sie mir ein kleines Notizbuch mit einer sorgsam ausgearbeiteten Liste darin: Vor- und Nachteile am Menschsein. Ich sah sie ungläubig und irritiert an. Sie bestand darauf, dass ich die Liste lese und ernst nehme. Es waren bestimmt weit über eintausend Punkte aufgeführt und nach Prioritäten sortiert. Sie schien an wirklich alles gedacht zu haben. Es war ein Manifest gegen die Menschheit.
Wir diskutierten den ganzen Tag und die halbe Nacht. Auch wenn wir uns oft nicht einig waren, so konnte sie mich doch davon überzeugen, dass Arielle einen großen Fehler begangen haben musste. Einen ganz gewaltig großen Fehler.

Einige Wochen vergingen, wir fuhren ans Meer. Wir saßen im Sand und schauten auf die See, malten uns aus, wie es wäre, würde Arielle heute und nicht im ach so romantischen Seefahrerzeithalter des Disneyfilms vor der gleichen Entscheidung stehen. Ein singendes Fischorchester gegen Finanzkrise und Afghanistankrieg. Eine Krabbe zum Freund gegen Facebook und MySpace. Die kleine Meerjungfrau wäre wohl gut beraten, weiterhin in ihrem überfischten Unterwasserparadies ihre Kreise zu ziehen. Es sprach wirklich nicht mehr all zuviel dafür, seine Flosse gegen zwei Beine eintauschen zu wollen.

Sie packte mich an beiden Händen und zog mich mit ins Wasser. Wir schwammen weit raus und dann ließen wir uns treiben, von den seichten Wellen zurück an den Strand. Da lagen wir nun, das Wasser schlug sanft gegen unsere Füße und wie aus dem nichts fing sie zu singen an. Sie sang davon, ein Mensch zu sein, mit solch beißender Ironie, dass es fast weh tat. Dann sprang sie auf, zurück ins Wasser, schwamm so weit sie konnte und ließ mich zurück. Ich legte mich auf mein Handtuch, blickte kurz in die Sonne und mir wurde klar, man hat nie eine Wahl. Ich schlief ein.

Von Schreien geweckt wachte ich auf und sah in Richtung Meer, wo sich eine Traube von Menschen gebildet hatte. Ich ging zu der Stelle und da sah ich sie und einen Mann, der ihr in den Mund pustete. Wieder sah sie anders aus und wieder stand ich da und bekam kein Wort heraus. Dann kotzte sie Wasser und schnappte nach Luft.

Es ging ihr bald besser, doch sie sprach kein Wort mehr. Als hätte sie ihre Stimme gegeben. Für ein besseres Leben bei den Fischen, das ihr der pustende Mann nicht gönnen wollte.

Saturday, November 14, 2009

B-Seite

Du bist nicht jedermanns Lieblingslied
doch du weißt wie es klingt
wenn es jemand ganz anderes
für jemand ganz anderen singt
jeder Ton schmerzt, jeder Taktschlag tut weh
jede Note, jedes #, jedes b
übertönt all das, was in dir ruht

Du bist nur eine B-Seite
zu einem Lied, das jeder pfeift
weil es einfach ist
weil es jeder begreift
doch du bist sperrig und verletzt
du bist maßlos unterschätzt
und viel zu selten gesungen

Du bist nicht jedermanns Lieblingslied
doch du hast all die Noten
die notwendig sind
um mich an dich zu knoten
hältst mich fest umschlungen
wenn mich sonst nichts mehr hält
du bist das beste Lied der Welt.

Saturday, October 17, 2009

Don't call it Schnitzel

Einer Frau hat jemand Soße auf die Bluse geschüttet. Das geht nie wieder raus, das geht nie wieder weg. Sie regt sich auf, doch es war nur ein Versehen. Der Kellner wird rot und fängt zu schwitzen an. Nur ein kleines Missgeschick, doch er weiß, es bricht ihm das Genick. Das ist ein feines Restaurant, sowas darf nicht passieren. Dem letzten Trinkgeld folgt ein Schreiben vom Chef und die Erkenntnis, dass ein kleiner Soßenfleck ganz schnell zu einer riesigen Pfütze Unheil heranwachsen kann.
Jetzt sitzt er da, bei seiner Freundin, und heult sich wortwörtlich aus. Sie sieht ihn zum ersten Mal weinen, doch es berührt sie nicht. Er schläft neben ihr ein und sie sieht ihn noch lange an, denkt an seine Tränen und wie kalt es sie ließ, ihn soweit unten zu sehen. Schließlich fasst sie einen Entschluss.
Noch vor dem Frühstück ist sie weg, mit den gemeinsamen Zukunftsplänen und all seiner Liebe im Gepäck. Nur zwei Scheiben Toast mit Marmelade lässt sie ihm zurück.

Er sieht tagelang fern und geht nicht aus dem Haus. Da ist wieder die Werbung für diese Fleischscheiben im Toaster, die man nicht Schnitzel nennen soll. Der Mann in der Reklame tut es dennoch und fliegt durch die Decke und wahrscheinlich auch voll aus der Bahn. Irgendwie ist er der Mann aus der Werbung geworden.
Er geht in die Küche und isst die zwei Scheiben Toast, die dort schon seit Tagen unberührt ihr Dasein fristen. Dann rasiert er sich und er wäscht sich die Haare. Es ist nichts wie immer, doch es wird schon bald wie immer sein.

Auf dem Weg zu seinem neuen Job begegnet ihm die Soßenfleck-Frau. Sie erkennt ihn wieder und winkt ihn zu sich rüber, er wird rot und fängt wieder zu schwitzen an. Entschuldigen will sie sich, für ihren Ausbruch im Restaurant, die Bluse sei längst wieder wie neu. Schon gut, kein Problem. Mit einem gezwungenen Lächeln verabschiedet er sich in sein neues Leben. Was der Fleck angerichtet hat, sie hat ja keine Ahnung. Sie weiß ja nicht, was er verloren hat. Sie hat keinen blassen Schimmer, wie fünftagealter Toast mit Marmelade schmeckt. Der Fleck mag aus der Bluse sein, aus seinem Leben wäscht er ihn nie ganz raus.
Er macht jetzt Schnitzel im Toaster und er nennt es auch so. Aus der Bahn geworfen, traurig und wütend, hat er sich gefunden, zwischen zwei Scheiben Toast. Er wird schon bald wieder wie immer sein.

Monday, October 05, 2009

Einzimmerwohnung

Wie kann ich es mit jemandem aushalten, wenn ich nicht einmal mich selbst ertrage? Jeden Tag frage ich mich, was ich eigentlich hier mache. Was ich eigentlich hier will. Ich bin es leid, ich bin mir selbst längst zuviel geworden. Ich will weg von mir. Doch egal wo ich hin gehe, ich werde immer bei mir sein. Es gibt wieder keinen Urlaub dieses Jahr.

Es ist an der Zeit, nicht mehr daran zu denken. Zeit, alte Versprechen zu brechen und neue zu machen. Denn was bringt es immer wach zu sein, wenn es nichts zu bewachen gibt? Ich habe stets auf mich aufgepasst, doch alles Wesentliche dabei versäumt. Ich hab' mich so satt.

Ich sehe auf mein leeres Bett und will gar nicht daran denken, wie gut es für andere ist, nicht alleine dazuliegen. Ich sehe an die leere Decke und will gar nicht daran denken, wie sehr ich mir immer wieder selbst im Wege stand. Ich schließe meine Augen und schlafe im Sitzen ein. Und wenn du irgendwann klingelst, steh' ich auf und lass dich rein.

Um nicht mehr mit mir allein zu sein.

Monday, September 14, 2009

Du musst dein Leben ändern

Du musst dein Leben ändern schreie ich jedem ins Gesicht. Du musst dein Leben ändern sprühe ich an jede Wand, ritze ich in jeden Tisch, schreibe ich in jede Email und poste ich auf jede Pinnwand, die ich finden kann. Jeder soll es sehen. Du musst dein Leben ändern trifft immer zu und ist immer richtig, ganz egal wer es hört oder liest, nie ist es falsch. Irgendwas ist immer nicht gut genug. Ich stelle mir vor, jemand liest dies und kündigt seinen Job, um doch noch sein Abitur zu machen. Ich stelle mir vor, jemand bricht sein Studium ab und setzt sich in den nächsten Flieger, um mal alles hinter sich zu lassen und wieder zu sich zu finden. Ich stelle mir vor, jemand wird sich bewusst, dass die Beziehung ohne Liebe nicht mehr auszuhalten ist. Vielleicht lernt jetzt jemand Geige, vielleicht geht jemand wieder aus, vielleicht lässt jemand die vierte Tafel Schokolade jetzt weg, weil er gehört hat, er müsse sein Leben ändern. Vielleicht geht einer zum Sport oder ins Kloster, weil er gelesen hat, er müsse sein Leben ändern. Mehr Zeit für die Kinder, mehr Zeit für sich. Nicht mehr soviel trinken, aufhören zu Rauchen. Jeder muss sein Leben ändern, so viel steht fest.

An der Bushaltestelle steht es heute groß geschrieben und ich versuche aus den Gesichtern die Reaktionen zu lesen, doch die Gesichter, sie bleiben stumm. Da ändert sich nichts, da bleibt alles beim Alten, ich habe wieder mal niemanden und rein gar nichts erreicht. Ich will schon längst gehen, da sehe ich sie, wie sie die Schrift anstarrt und auf der Stelle verharrt. Sie steigt nicht in den Bus und ich sehe es ihr an, dass sei begriffen hat. Du musst dein Leben ändern.

Glückstrunken laufe ich die Straße entlang und bleibe vor einem Friseursalon stehen. Du musst dein Leben ändern, also gehe ich hinein und die Haare fallen wie eine Last von mir ab.
Am nächsten Tag sitze ich der Frau im Bus gegenüber, bin mutig und frage, warum sie den Bus gestern nicht nahm. Sie zeigt lächelnd auf ihr Portemonnaie und erzählt mir dann freundlich, wie vergesslich sie von Zeit zu Zeit doch sei. Den Rest der Fahrt sehe ich meiner Reflektion im Fenster dabei zu, wie sie sich immer wieder die Haare richtet. Irgendwas ist immer nicht gut genug.

Monday, August 17, 2009

Drei Sekunden

Alle drei Sekunden ist er einen Kilometer weiter weg. Ich sehe den Blitz und zähle leise mit, doch der Donner will einfach nicht kommen. Nur der Regen an meinem Fenster macht heute Nacht Lärm.
Ich liege wach und kann nicht aufhören zu zählen. Ich bin so ein Idiot. Irgendwann schlafe ich ein. Eine traumlose Nacht und das Gewitter gehen vorbei, als sei nie etwas gewesen, als wollte da nie was sein.

Alle drei Sekunden entfernst du dich einen Schritt mehr. Ich weiß nicht wo du einschlägst, ich weiß nicht wo du bist. Nur dein Licht flackert noch in meinem Kopf.
Eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei
eins zwei drei.
Wie lange muss man zählen, bis man das Unerreichbare erreicht?

Ich bin kein Blitzableiter, doch den Donner halte ich fern. Schon bald wird es wieder so sein, als wäre nie etwas gewesen, als wollte da nie was sein. Nur ein kurzes Zucken, ein Ast aus Licht, der mir die Hand reicht und dann wieder erlischt.
Am nächsten Tag guckt da einer aus der Zeitung, der liegt im Krankenhaus und lächelt, der hat einen Blitzschlag überlebt. Das muss ein tolles Gefühl sein. Verbrannte Haut und Taubheit zum Trotz. Dann sehe ich dem Regen noch ein wenig zu und schüttele den Kopf, der solch dumme Gedanken in sich trägt. Ich bin so ein Idiot.

Thursday, July 16, 2009

Sturm

Ein Sturm zieht heran
und wir wissen wo lang
wir müssen
wo lang
wir müssen

ich will den Kopf nicht verlieren
ich will das nochmal probieren
ich will dass wir nicht dass ich
ich will dass wir nicht dass du
mach' ich auf machst du zu
ganz egal was ich tu'
mach' ich auf machst du zu
und es stürmt immerzu

ganz egal was passiert
wir wissen wo lang
wir müssen
wo lang
wir müssen

Wednesday, July 01, 2009

Aus dem Staub gemacht

Eine eingesaugte Spinne schluckt den Staub der letzten Jahre. Viel hat sich angesammelt, in deinem Beutel, vieles hast du längst vergessen. Ein alter Groschen, eine Büroklammer und der ganze Dreck einer zu schnell vergangenen Zeit. Deine Atemwege rebellieren gegen die staubige Flutwelle, die ihnen beim Entleeren des Beutels entgegenschlägt. Und dann siehst du das Glitzern, zwischen alten Haaren und Krümeln, zwischen all dem Schmutz ein kleiner Schatz. Ein Schatz, der noch viel größere Schätze in sich birgt. Eine kleine, silberne Haarspange.

Das warme Lachen, wenn du ihren Pony sanft zur Seite streichst. Das Strahlen der Augen, das du für jeden sichtbar machst, indem du ihr Haar mit der Spange befestigst. Es zaubert ein Lächeln auf dein Gesicht, bis du wieder husten musst. Du hast den Beutel viel zu lange nicht gewechselt, nun quillt der ganze Dreck über. Doch du denkst nur daran, wie es so kommen konnte, wie es schließlich kam. Wie du neben all dem Unrat auch etwas so Wertvolles mit einsaugen und völlig vergessen konntest. Wie du all die Jahre mit einem so vollen Beutel noch weitersaugen konntest, obwohl dieser aus allen Nähten zu platzen drohte. Der meiste Dreck blieb doch eh längst liegen.

Du wolltest immer für sie da sein, doch du warst niemals da. Wolltest immer besser sein als jetzt. Klar, du hattest Probleme, die hat man ja immer, und immer bist es du, der seine Schätze nicht schätzt. Nun klickst und klackst du mit deinen Fehlern, Spange auf, Spange zu, eine ganze Stunde lang und dir wird immer klarer, was wirklich wertvoll ist. Du klammerst dich an die Spange und sie klemmt an dir. Und nun greifst du zum Hörer, rufst das erste Mal an, nach der Scheidung, nach dem neuen Mann, und fragst nach ihr, fragst nach deiner Tochter, als wäre nie etwas passiert, während die Spinne an deinem Schmutz letztlich erstickt.
So hört es auf, so fängt es an.